... und immer blieb der Duft des Pariser Mai. Für Willi Hajek

Der Arbeitskreis Geschichte sozialer Bewegungen Ost-West hat einen Freund und Kampfgefährten verloren

Willi Hajek ist am 3. Oktober 2022 im Kreis seiner Tochter und seiner Ehefrau Lila Boutaiba in Marseille gestorben. Hier hatte er seine neue Heimat gefunden, hier war er jetzt seinen Freund*innen und Genoss*innen von SUD solidaire, den Stadteilgruppen und den „Gelbwesten“ ganz nahe und konnte ihre Diskussionen und Kämpfe begleiten. Für uns wurde Willi seit 2017 „unser Mann“ in Frankreich, der uns über die dortigen Kämpfe aus der Sicht der emanzipatorischen Bewegungen berichtete. Einige Male konnten wir mit ihm noch gemeinsame Veranstaltungen in Berlin durchführen; zum letzten Mal im Frühjahr 2019 im Haus der Demokratie und Menschenrechte, wo er uns wieder einmal über den Stand der Gilets jaunes informierte und Lila über die algerische Revolte in ihrem Geburtsland berichtete.
Jede und jeder hat „seinen“ Willi in Erinnerung. Wir haben ihn 1993 im Bündnis Kritischer GewerkschafterInnen Ost-West kennen gelernt. Willi kam aus Bochum, wo er jahrelang in der Gruppe Oppositioneller Gewerkschafter (GOG) gewirkt hatte, nach Berlin und hat sich bald in die verschiedensten Gruppen und Initiativen eingebracht, die damals vor allem gegen die rasante Deindustriealisierung des Ostens und dann auch gegen die neoliberale Entwicklung in Ost und West eintraten.
In Willi hatten wir „Ostlinke“ in diesen Bündnissen einen Mitstreiter, dem wir nicht lange erklären mussten, was für verheerende Folgen die SED-Diktatur für die Arbeiterbewegung der DDR hatte und dass die DDR-Arbeiter:innen 1989 vor einem Neuanfang standen. So wie wir, hat Willi immer und überall die Unterstützung der praktischen Lernprozesse „an der Basis“ für seine wichtigste politische Aufgabe angesehen. „Selbstermächtigung“ war sein Begriff für einen Prozess, den er für entscheidend hielt, um eine Alternative zum kapitalistischen Arbeiten und Leben zu erreichen.
Solche Gemeinsamkeiten waren auch die Grundlage dafür, dass wir ab 2003 zusammen mit Richard Herding den „AK Geschichte sozialer Bewegungen Ost-West“ ins Leben gerufen haben, der bis zu der erwähnten Veranstaltung 2019 in unterschiedlicher Intensität Veranstaltungen im Haus der Demokratie und Menschenrechte durchgeführt hat. Begonnen haben wir zum 50. Jahrestag des Arbeiter:innenaufstands vom 17. Juni 1953 in der DDR; wir haben gefragt, wie er unser politisches Ost- bzw. Westverständnis geprägt hat und was unbedingt heute darüber vermittelt werden muss. Diese Veranstaltungen wurden zu einem spannenden Versuch, sich den historischen und aktuellen Bewegungen mit den unterschiedlichen Erfahrungen und Sichtweisen aus Ost und West zu nähern. Am Spannendsten – entschuldigt, liebe Besucher*innen unserer Veranstaltungen – waren für uns die langen Abende, an denen wir das jeweilige Thema vorbereitet haben: streitbar, und voller Neugier an der Meinung und Erfahrung der anderen, optimistisch und lebensfroh mit Käse und Wein.
Nicht von vielen Menschen lässt sich sagen, dass sich mit ihnen ein wichtiger Teil eigener politischer und menschlicher Entwicklung verbindet, ein gemeinsamer Lernprozess, an dessen Ende vieles neu und auch anders gedacht wird. Mit Willi war das möglich. Danke an Dich, Willi, dass wir so lange mit Dir zusammen arbeiten durften!

Renate und Bernd, AK Geschichte sozialer Bewegungen Ost-West
Berlin, im Oktober 2022