Die unmögliche Insel

Wie würde die russische Außenpolitik nach einem Friedensvertrag mit der Ukraine aussehen? Und was würde ein solches Abkommen für die Zukunft Russlands und seiner Nachbarländer bedeuten? Der Journalist und Forscher Georgij Birger, Initiator des Projekts „Playing Civilization“, findet zutiefst beunruhigende Antworten im Konzept der „Insel Russland“ – auf den ersten Blick eine der friedlichsten Ideen im geopolitischen Diskurs Russlands [Vorbemerkung der Redaktion Posle]

Russlands groß angelegte Invasion der Ukraine hat erneut die Grenzen dessen eingeengt, was im innenpolitischen Diskurs des Landes zulässig ist. Ein bezeichnendes Beispiel hierfür ist Gosudarstwo, eine wissenschaftliche Zeitschrift, die die RANEPA – die Russische Präsidialakademie für Volkswirtschaft und öffentliche Verwaltung – seit August 2025 herausgibt.

Georgij Birger ist ein russischer Journalist, Medienanalyst und Autor, der seit vielen Jahren über Politik, Kultur und Propaganda in Russland schreibt. Heute lebt er im Exil. Sein Schwerpunkt ist die Schnittstelle zwischen Kultur und Politik, was für ihn im Grunde bedeutet, dass er den weltweiten faschistischen Trend in Echtzeit anhand der Kulturkriege beobachtet. Er arbeitet derzeit an einem Buch über die kulturellen Wurzeln der modernen russischen Politik und betreibt auf Patreon den englischsprachigen Blog „Playing Civilization“.

Laut Wedomosti konzentriert sich die Zeitschrift in erster Linie auf traditionelle Werte und deren Bedeutung für die nationale Sicherheit; in der Praxis ist sie kaum mehr als eine Sammlung von Essays, die sich um die Ideen des russischen Exzeptionalismus i und der Unantastbarkeit der Autorität drehen.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion gibt es in Russland reichlich Literatur dieser Art, doch Gosudarstvo markiert eine Neuerung: Nach 2022 wurden solche Publikationen Teil der offiziellen Agenda, wobei hochrangige Regierungsvertreter nun direkt hinter ihnen stehen. Andrei Polosin, Chefredakteur von Gosudarstvo, ist Vizerektor der RANEPA. Boris Rapoport, der stellvertretende Leiter der Abteilung für Überwachung und Analyse sozialer Prozesse in der Präsidialverwaltung, sitzt im Redaktionsbeirat, während sein Chef, der Abteilungsleiter Alexander Kharichev, regelmäßig Beiträge für die Zeitschrift verfasst.

Obwohl der Name der Abteilung vage ist, sind ihre beiden Hauptfunktionen offensichtlich: die Durchführung komplexer Wahlkampagnen und die Festlegung der ideologischen Agenda des Landes. Gosudarstvo ist eindeutig ein Produkt des Letzteren. Lange vor dem Start der Zeitschrift hatte Kharichev seine ideologischen Überzeugungen bereits kundgetan – eine Reihe von Artikeln in verschiedenen Publikationen ließ kaum Zweifel daran, wo er stand. Meduza hat über einen solchen Beitrag berichtet, und die übrigen folgen einer ähnlichen Linie: Russland wird als „Land-Zivilisation“ dargestellt, das dem Westen grundlegend entgegensteht.

Der zivilisatorische Rahmen wird allmählich zu Russlands Overton-Fenster – jede Idee, die Russlands Einzigartigkeit und seinen „besonderen Weg“ nicht bekräftigt, hat darin keinen Platz.

Die Folgen dieser Weltanschauung haben ihren verheerendsten Ausdruck im Krieg in der Ukraine gefunden – einem Krieg, den der russische Staat unter anderem als Selbstverteidigung gegen die NATO-Expansion darstellt: als Versuch, den Westen davon abzuhalten, in direkten Konflikt mit der russischen Zivilisation zu geraten. Doch was wird geschehen, sobald ein Friedensabkommen – wie begrenzt es auch sein mag – erzielt ist? Wie sieht die andere Seite der russischen Zivilisation aus – die friedliche?

Wadim Zymburskij

Beide Fragen – und mit ihnen der Versuch, zu verstehen, wie das heutige Overton-Fenster [gemeint sind jene Ideen, die zu einer bestimmten Zeit als akzeptabel und diskutabel gelten – d. Red.] entstanden ist – führen zurück zu einem geopolitischen Konzept aus den 1990er Jahren: „Insel Russland“, entwickelt vom Philosophen, Historiker und Politikwissenschaftler Wadim Zymburskij. Ein gleichnamiger Aufsatz aus dem Jahr 1993 stellte das Konzept vor; ein Jahr später führte Zymburskij es für die Anthologie Inoe aus [Anmerkung des Übersetzers: Der Autor des Artikels vermutet in einer anderen Veröffentlichung, dass der Titel der Anthologie zwar mit „Anderes“ übersetzt werden könnte, eine genauere Übersetzung jedoch „Etwas anderes“ wäre]. Betrachtet man die Idee im Kontext dieser Sammlung, wird deutlich, wie sie das intellektuelle Klima der Zeit widerspiegelte – und wie sie damals wahrgenommen wurde.

Die Inoe-Sammlung war ein dreibändiges Werk mit 35 langen Essays, von denen jeder eine andere Vision der Zukunft Russlands entwarf. Die Bandbreite der Ideen war groß. Am Mainstream-Ende standen rechtsliberale Fantasien von einem „normalen Land“ im Zeitalter des „Endes der Geschichte“ – eine Fortsetzung des bestehenden Weges hin zum westlichen Liberalismus und zur europäischen Integration. Es gab auch einige linke Ideen, meist autoritärer Prägung. Schließlich gab es eine bemerkenswerte Anzahl konservativer Projekte mit unterschiedlichem Grad an Radikalismus.

Eines war offensichtlich: Trotz aller Unterschiede verband diese konservativen Projekte eine „zivilisatorische“ Lesart der Welt – eine, die Geschichte als Kampf zwischen einer kleinen Anzahl unterschiedlicher Zivilisationen betrachtete, von denen jede durch Religion, Geschichte und gemeinsame Identität definiert war und jede um die Vorherrschaft konkurrierte. In der Sammlung stellten mindestens acht Essays – ein Viertel der Gesamtzahl – Russland als „Land-Zivilisation“ dar.

Noch auffälliger ist, dass viele dieser Essays Samuel Huntingtons Buch „The Clash of Civilizations?“ aus dem Jahr 1993 – jenes Werk, das den zivilisatorischen Ansatz in die globale geopolitische Debatte zurückbrachte – ignorierten und stattdessen auf ältere Quellen zurückgriffen: Nikolai Danilewski, der das Konzept der russischen Zivilisation begründete; Oswald Spengler, Autor des 1918 erschienenen Werks Der Untergang des Abendlandes; und deren geistiger Erbe, der sowjetische Historiker Lew Gumiljow. Einer der Inoe-Autoren, Wladimir Machnach, war ein Schüler Gumiljows gewesen: Wann immer das Thema Zivilisationstheorie aufkam, merkte er stets nur an, dass „es eine Gegebenheit ist“.

Natürlich war „Insel-Russland“ auch ein konservatives und zivilisatorisches Projekt, wenn auch das friedlichste von allen. Im Gegensatz zu den anderen sah Zymburskij Konflikte nicht als unvermeidlich an; stattdessen schlug er vor, Russland als eine Art Insel zu betrachten, die vom Rest der Welt isoliert werden müsse.

Obwohl es sich immer noch um ein imperiales Projekt handelte, hatte Zymburskijs Imperium kein Interesse daran, neue Gebiete zu erobern – es richtete den Blick nach innen, auf die interne Kolonisierung. Im Zentrum seiner Vision stand das Konzept der „Entführung Europas“: die Vorstellung, dass Russland, wann immer es versuchte, sich in Europa zu integrieren, unweigerlich nach Westen expandieren, Widerstand provozieren und letztendlich scheitern würde.

Unter innerer Kolonisierung verstand Zymburskij in erster Linie die Entwicklung der östlichen Gebiete des Landes – eine Position, die ihn dem Eurasismus nahebrachte, jedoch nur bis zu einem gewissen Grad, da er eine erzwungene Expansion ablehnte. Besondere Verachtung hegte Zymburskij für Alexander Dugins Neo-Eurasismus und verfasste eine der vernichtendsten zu Dugins Hauptwerk, Grundlagen der Geopolitik (1997). Wie Zymburskij stellt Dugin Russland als eine eigenständige Zivilisation dar, die den westlichen Werten fremd ist – doch 1994 war Dugin eine zu marginale Figur, um zu einer Mitarbeit an Inoe eingeladen zu werden. Heute hingegen sitzt er im Redaktionsbeirat der Zeitschrift Gosudarstvo.

Ein weiterer wesentlicher Unterschied zwischen Zymburskijs Vision der russischen Zivilisation und denen der anderen war sein Versuch, eine säkularere Interpretation anzubieten. Das Konzept der „russischen Zivilisation“ ist eng mit dem orthodoxen Christentum und der Vorstellung von Russland als Nachfolger von Byzanz verbunden, wobei Moskau als das „Dritte Rom“ gilt. Zymburskij erkannte den Einfluss der Orthodoxie an, hielt es jedoch nicht für notwendig, dass sie im Zentrum des Projekts stehen müsse. Er definierte Zivilisation in Anlehnung an Gumiljow anhand der Geografie und eines gemeinsamen Weges der kulturellen Entwicklung – die Orthodoxie war als Fundament wichtig, als die Kraft, die die Richtung vorgegeben hatte, aber nicht als jene, die sie lenken musste.

Zymburskij vertrat eine ähnliche Haltung zum Ethnonationalismus: Er lehnte den radikalen Slogan „Russland für die Russen“ ab, räumte jedoch ein, dass ein ethnokultureller Kern existiert – einer, der den Russen die Rechte der Mehrheit zubilligt.

Gleichzeitig lehnte Zymburskij den liberalen Konsens über das Selbstbestimmungsrecht der Republiken an der westlichen Grenze Russlands entschieden ab. Er schrieb, dass die Verfechter der Verwestlichung „die baltischen Staaten, Polen, die Tschechische Republik und Ungarn als Teil des echten katholisch-protestantischen Europas betrachten – einen Teil, der durch historische Umstände benachteiligt wurde und immer wieder unter dem rauen russischen Stiefel zertreten wurde. Die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte widerlegt jedoch die erbärmliche (sic!) Tendenz der Liberalen, Mittel- und Osteuropa miteinander zu vermischen.“

Zymburskij fand einen Kompromiss im Konzept der „Großen Limitrophe“ – obwohl der Begriff selbst erst später entstand; in seinem ursprünglichen Aufsatz hatte er diese Gebiete als „Meerenge-Länder“ bezeichnet. Mit der „Großen Limitrophe“ meinte er einen Staatsgürtel, der die russische Zivilisation von der „römisch-germanischen“ trennt. Diese Länder müssen nicht Russland untergeordnet sein; sie können sich jedoch auch nicht in andere Zivilisationsblöcke integrieren. Ihre Rolle besteht darin, als Puffer zwischen den Zivilisationen zu dienen – eine Art Cordon sanitaire.

Auffällig ist, wie viel deutlicher das Konzept der „Insel Russland“ in den 1990er Jahren als das erkannt wurde, was es war, als es heute der Fall ist. Damals wurde Zymburskij als pessimistischer Reaktionär abgetan. Seine Ablehnung militärischer Expansion hob ihn zwar von Radikalen wie Dugin ab, verschaffte ihm aber keinen Ruf als humanerer oder progressiverer Konservativer. Es war offensichtlich, dass seine Weigerung, das Selbstbestimmungsrecht der Nachbarländer anzuerkennen, und sein Beharren auf fest verankerten Privilegien für ethnische Russen nichts mit Demokratie oder dem Weg zu tun hatten, den Russland damals eingeschlagen hatte.

Heute stehen beide Themen weitgehend zur Debatte. Die Ereignisse der späten 1990er Jahre – die schwere Wirtschaftskrise und die NATO-Operation im Kosovo – versetzten dem Glauben an das europäische Projekt einen schweren Schlag. Aus den unterschiedlichen Gruppen, die bei den Reformen dieses Jahrzehnts den Kürzeren gezogen hatten, formierten politische Strategen das, was als „Putin-Mehrheit“ bekannt wurde. Der Diskurs dieser Mehrheit verdrängte den liberalen nach und nach aus der Öffentlichkeit, und das Konzept der „Insel-Russland“ begann allmählich, seinen Randstatus abzulegen.

Zymburskij verfeinerte sein Konzept jedoch bis zu seinem Tod im Jahr 2009 weiter – und mit jeder Überarbeitung wurde es aggressiver. Die bedeutendste Wende erfolgte 2008 nach dem russisch-georgischen Krieg, als er das Konzept der „Spur von Insel-Russland“ einführte. Damit meinte er die für die „Insel“ so lebenswichtigen Grenzregionen, dass jeder Versuch einer Außenmacht, sich in deren Angelegenheiten einzumischen, eine Intervention – und, falls nötig, eine Annexion – rechtfertigen könnte. Die besetzten Gebiete Georgiens fielen in diese Kategorie, ebenso wie die Krim, das linke Ufer der Ukraine und Kasachstan. Mit dieser Anpassung war „Insel-Russland“ bis in die 2010er Jahre als geopolitische Doktrin voll ausgereift, während es sich dennoch als nüchterne und zurückhaltendere Vision für die Wiederbelebung des Russischen Reiches präsentieren konnte als seine Rivalen.

Mit der Besetzung der Krim im Jahr 2014 rückte „Insel-Russland“ vom Rand des Overton-Fensters direkt in den Mainstream. Man könnte argumentieren, dass Zymburskijs Vision ihren praktischen Ausdruck in den Minsker Abkommen fand – wonach die Regionen Donezk und Luhansk die ideale Version des „Pfades“ dargestellt hätten. Mikhail Suslov, Professor an der Universität Kopenhagen, kam zu derselben Beobachtung und deutete an, dass Vladislav Surkov, der Architekt der Minsker Vereinbarungen, höchstwahrscheinlich mit Zymburskijs Ideen vertraut war und ihnen wohlwollend gegenüberstand.

Zymburskijs Einfluss war nie offen sichtbar. Hochrangige Beamte zitierten ihn nicht, und wenn Putin von der „russischen Zivilisation“ sprach, berief er sich häufiger auf den bekannteren Danilevsky oder Iwan Iljin. Doch innerhalb der russischen Politikwissenschaft – die direkt in die Entscheidungsfindung einfließt – ist die Präsenz von „Insel-Russland“ kaum zu übersehen. Nach 2014 arbeitete der Philosoph Boris Mezhuev fleißig daran, Zymburskijs Ideen in den Mainstream zu bringen. Ein weiterer Verfechter ist Andrei Zygankow, ein Mitglied des Valdai-Diskussionsclubs.

Das vielleicht beste Beispiel dafür, wie „Insel-Russland“ in den Mainstream des geopolitischen Diskurses vorgedrungen ist, ist die Karriere von Dmitri Trenin, dem ehemaligen Direktor des Carnegie Moscow Center [Anmerkung des Autors: Der Autor dieses Essays ist ein ehemaliger Mitarbeiter des Zentrums und möglicherweise voreingenommen; dies ist jedoch keine Kritik an der Organisation, sondern ein Versuch, den Karriereweg ihres ehemaligen Direktors nachzuzeichnen – die Carnegie Endowment for International Peace hat im Frühjahr 2022 alle Verbindungen zu Dmitri Trenin abgebrochen]. Das Moscow Center war die russische Niederlassung der amerikanischen Carnegie Endowment for International Peace, und seine Aufgabe bestand – vereinfacht gesagt – darin, die diplomatischen Kanäle zu Russland auch in Zeiten der Spannungen offen zu halten und so eine Eskalation der Lage zu verhindern. Zu diesem Zweck benötigte die Stiftung jemanden an der Spitze ihres Moskauer Büros, der bei der russischen Elite Respekt genoss. Oberst Trenin, der bei jeder Verschiebung des Overton-Fensters stets eine gemäßigte Haltung einnahm, war für diese Rolle perfekt geeignet.

In den 1990er und frühen 2000er Jahren galt Trenin als pro-westliche Stimme: Er forderte, dass Russland sich modernisieren, westlichen Institutionen beitreten und den Kalten Krieg hinter sich lassen solle. Doch als Mitte der 2000er Jahre die Aussicht auf eine Integration in Europa und die NATO geschwunden war, verlagerte er seinen Fokus darauf, den Westen dafür zu kritisieren, dass er unrealistisch hohe Maßstäbe an die russische Demokratie anlege. Er erklärte: „[Der Westen] muss verstehen, dass positive Veränderungen in Russland nur von innen kommen können und dass die Wirtschaft – nicht demokratische Ideale – die treibende Kraft hinter diesen Veränderungen sein wird.“ Daraufhin begann er, Russland als „einsame Macht“ zu beschreiben – eine aufstrebende Macht ohne Freunde, nur mit Partnern. Damit näherte sich Trenin bereits Zymburskijs Konzept an, auch wenn er weiterhin , dass „Russland keine eigenständige Zivilisation ist“.

Nach dem Wechsel zwischen Medwedew und Putin und Putins faktischer Rückkehr an die Macht im Jahr 2012 verschob sich der Diskurs erneut – ebenso wie Trenins Position. Der Direktor des Carnegie Moscow Center akzeptierte die neue Realität der „Konfrontation der Supermächte“. Andere Mitarbeiter des Zentrums – darunter die prominenten Politikwissenschaftler Nikolai Petrow, Maria Lipman und Lilia Schewzowa – nahmen jedoch eine kritischere Haltung gegenüber der Regierung ein, fanden sich außerhalb der Grenzen des neuen Overton-Fensters wieder und verließen schließlich das Team.

Etwa zu dieser Zeit begann Trenin, Zymburskij immer häufiger zu zitieren. Zunächst schienen die Verweise mehr oder weniger beiläufig, doch als sein Buch New Balance of Power: Russia in Search of Foreign Policy Equilibrium 2021 erschien, hatte Igor Torbakov, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Uppsala, es bereits als „durch und durch tsymburskisch“ beschrieben.

Diese Position ermöglichte es Trenin, moderat liberal und kriegsfeindlich zu bleiben. Der von ihm vorgeschlagene Konsens der Mitte ließ sich, in Zymburskijs Worten, wie folgt erklären: Die Besetzung der Krim und die Einhaltung der Minsker Vereinbarungen im Donbass könnten durch die Idee eines „Pfades“ normalisiert werden, während der Krieg beendet und eine Eskalation vermieden werden müsse – da ein weiterer Konflikt nur eine neue Runde der „Entführung Europas“ auslösen würde.

Dann kam der Februar 2022. Mit dem Beginn der groß angelegten Invasion der Ukraine wurde selbst dieser sorgfältig abgestimmte Zivilisations-Zentrismus an den Rand gedrängt. Das Carnegie Moscow Center wurde vom Justizministerium geschlossen, und Trenin passte seine Position neu an – er richtete sich nach dem neuen Zentrum aus.

Unter anderem dient diese Geschichte als warnendes Beispiel für unterwürfigen Zentrismus – und offenbart, was „Insel-Russland“ für diejenigen, die sich immer wieder an die Realität anzupassen versuchten, wirklich darstellte: einen vorübergehenden Weg auf dem Weg zum Mainstream des Denkens in Zivilisationen und eine Möglichkeit, sich mit der Idee von Russlands „besonderem Weg“ zu versöhnen, ohne dessen faschistische Extreme zu übernehmen – und dennoch im Faschismus zu enden. All dies liegt daran, dass die traditionellen Werte der „russischen Zivilisation“ zu kostbar sind, um dem Westen auch nur einen Fuß in die „Große Grenze“ zu gewähren – und darin liegt die Wurzel des Kulturkriegs: erst kalt, dann heiß.

Der russische quasi-faschistische Publizist Jegor Cholmogorow legte die Logik hinter dieser Entwicklung mit besonderer Klarheit dar. In einem Artikel aus dem Jahr 2020 über „Insel-Russland“ lobte er Zymburskij und argumentierte gleichzeitig, dass die Ablehnung der Expansion durch den Philosophen nichts weiter als Selbsttäuschung sei: „Im Großen und Ganzen verschleiert Zymburskij ein streng expansionistisches Projekt unter dem Deckmantel des Isolationismus.“ Kholmogorov griff das Konzept der „Großen Limitrophe“ mit besonderer Begeisterung auf: „Die zahlreichen kleinen und mittelgroßen Völker, die an Russlands Grenzen umherflirren, sind nichts anderes als die Flora und Fauna der Gewässer, die den ‚insularen‘ Teil der russischen Zivilisationsplattform umgeben.“ Es stellte sich heraus, dass nur ein einziger Schritt Zymburskijs Ideen von den schlimmsten Auswüchsen des großrussischen Chauvinismus trennte – und Kholmogorov zeigte, wie mühelos dieser Schritt getan werden konnte.

Tsymburski selbst sagte einmal, dass „Faschismus eine Form der Rebellion einer Nation gegen Versuche ist, sie in eine unwürdige und unbequeme Weltordnung zu zwingen, die sie als ‚zweitklassige‘ Nation behandelt.“ Angesichts der Tatsache, dass Russland genau das heute zu tun vorgibt, ist es nicht schwer vorstellbar, wo der Philosoph zum aktuellen politischen Kurs des Landes gestanden hätte.

Aber nicht unbedingt. Eine weitere Lehre, die uns die Geschichte von „Insel Russland“ erteilt, ist, wie die Deutung innerhalb des russischen Staates tatsächlich konstruiert wird. Ähnlich wie Private-Equity-Firmen, die Unternehmen nur erwerben, um sie in ihre Einzelteile zu zerlegen, hat der Staat nach Tsymburskis Tod dessen Ideen absorbiert – aber nur diejenigen, die er für nützlich befand. Ähnliches geschah mit dem Erbe von „Putins Lieblingsphilosoph“ Iwan Iljin, den Pionieren des Eurasismus Petr Sawizkij und Nikolai Trubezkoi sowie sogar Josef Stalin.

In Zymburskijs Fall übernahm der Staat die Konzepte des „Limitrophe“ und des „Trails“ und integrierte seinen Vorschlag für eine Neuausrichtung nach Osten teilweise in das Projekt der „Großen Eurasischen Partnerschaft“. Doch das Konzept der „Entführung Europas“ – das, wie oben erwähnt, für Zymburskijs eigene Vision von zentraler Bedeutung war – wurde praktisch ignoriert. Und doch hatte Zymburskij selbst geschrieben: „Russlands Niederlagen hängen meist mit Situationen zusammen, in denen es gezwungen ist, in einem kleinen Abschnitt der imperialen Peripherie, inmitten schwieriger Gebiete oder ‚Engpässe‘, zu verbluten“ – eine Beschreibung, die auffallend genau widerspiegelt, was heute geschieht.

Die Tatsache, dass der russische Staat Ideen in verzerrter Form übernimmt – häufiger im Nachhinein als Leitfaden für das Handeln –, ist jedoch kein Grund, sie nicht weiterhin sorgfältig zu untersuchen. Es bedeutet auch nicht, dass bestimmte Konzepte, egal wie fantastisch sie auch sein mögen, keinen Schaden anrichten können, wenn der Staat ihnen keine Beachtung schenkt. Die Geschichte und Zukunft von „Insel-Russland“ sind daher nach wie vor von Bedeutung.

Dies ist unter anderem deshalb wichtig, weil in dem Moment, in dem ein Friedensabkommen mit der Ukraine – und dem Westen – erzielt wird, die Doktrin von „Insel-Russland“ erneut zu einem Eckpfeiler der Außenpolitik werden wird. Jüngste Erfahrungen deuten darauf hin, dass diese Vision entweder eine bewusste Lüge oder ein Akt der Selbsttäuschung ist.

In einer Welt, in der „Insel-Russland“ das friedlichste aller geopolitischen Konzepte Russlands darstellt, ist dauerhafter Frieden nur möglich, wenn Russland als vollwertiges Imperium über das gesamte eurasische Territorium hinweg agieren darf. Dies würde erfordern, dass die westliche Ukraine, Georgien, Kasachstan und Moldawien die Rolle einer „Pufferzone“ innerhalb der „Großen Limitrophe“ akzeptieren oder dem russischen „Zivilisationsstaat“ beitreten – wodurch sich die „Limitrophe“-Zone auf ihre westlichen Nachbarn verlagern würde. Dies würde auch die schrittweise Abkehr von liberalen Werten bedeuten.

In diesem Fall müsste der Rest der Welt eine Realität akzeptieren, in der er unter „Großmächten“ und deren jeweiligen Einflusssphären aufgeteilt ist. Multipolarität würde unter dieser Regelung nichts anderes bedeuten als Vereinbarungen zwischen Supermächten darüber, wer welchen Teil der Welt kontrolliert: Die Vereinigten Staaten würden in Amerika tun, was sie wollen, China in Ostasien und so weiter.

Die jüngsten Ereignisse veranschaulichen diese Logik mit unangenehmer Deutlichkeit: Putin hat sich bislang nicht zu der US-Militäroperation in Venezuela geäußert. Gemäß der „Zivilisations“- und der „Insel“-Doktrin hat Trump jedes Recht, einen Regimewechsel in einem Nachbarland herbeizuführen – vorausgesetzt natürlich, dass dies dazu beiträgt, einen Friedensplan für die Ukraine zu Bedingungen zu erzielen, die für Russland günstig sind. Es ist unangenehm, dies laut auszusprechen: Präsident Maduro, der von den USA gefangen genommen wurde, galt als Verbündeter Russlands. Putins Schweigen spricht jedoch Bände.

Noch 2022 herrschte allgemeiner Konsens darüber, dass die Freiheit der Nachbarn Russlands untrennbar mit der Freiheit der Welt als Ganzes verbunden sei. Selbst die moderatesten geopolitischen Theorien des russischen Staates bestärkt die seinerzeitige Überzeugung heute um so mehr.

 

Fußnote

i Der Russische Exzeptionalismus ist eine dem Amerikanischen Exzeptionalismus entlehnte nationalistische Ideologie von der Sonderstellung Russlands, die auf dem Postulat basiert, dass sich Russland aus historischen Gründen von allen anderen Nationen unterscheidet und zu einer zivilisatorischen Mission in der Welt berufen ist [d. Red.].

Erstveröffentlichung auf Posle-Media: 18. März 2026

Anmerkung d. Red.: Der Text wurde von der Redaktion aus der englischen Version übersetzt. Eine Folge davon sind häufige Quellenverweise auf die  englischsprachige Wikipedia. Viee Namen und Sachquellen der englischen Wikipedia sind allerdings auch in der deutschen Version vorhanden.

Da viele Quellen- oder Namensverweise bekannter reaktionärer Denker:innen von Oswald Spenger bis Alexander Dugin in der deutschsprachigen Wikipedia gelesen werden können, haben wir solche Personen nicht zur englischen Wikipedia-Version verlinkt.

Quelle: https://www.posle.media/article/nevozmozhnyy-ostrov, https://www.posle.media/article/impossible-island

Grafiken:

Insel Russland mit Meerengen: Redaktion

Posle (russ.): https://ge.linkedin.com/in/georgy-birger-816860264

Fotos:

Georgij Birger: Linkedin.com

Wadim Zymburskij: Wikipedia.org/Unknown – Website – http://banshur69.livejournal.com/38496.html