
Seit einigen Monaten findet in der SoZ eine Debatte über den Charakter der DDR statt. Ausgelöst hat diese Kontroverse ein Leserbrief von mir, in dem ich die Einschätzung von Angela Klein und Wolfgang Pomrehn scharf zurück gewiesen habe, die DDR sei eine reale Alternative zur Bundesrepublik gewesen, was sich auch darin zeige, dass der Westen bis heute die Erinnerung an diese Alternative zu ihr auslöschen wolle (SoZ 12/2025, S.2). Ich betone demgegenüber den stalinistischen Herrschafts- und Ausbeutungscharakter der DDR und behaupte, dass sich mit der „kalten Kriegslogik“ vom Kampf des Westens gegen den Osten die heutige Weltlage nicht erklären ließe (SoZ, 1/2026, S.20). Es folgte ein Leserbrief von Klaus Dallmer, offensichtlich die Haltung von Klein und Pomrehn unterstützend, der in eine Art Beschimpfung meiner Einschätzung des Charakters der DDR und der linken DDR-Opposition mündete (SoZ 2/2026, S.4). Auf den Leserbrief von Dallmer hat Bernd Gehrke mit einem ausführlichen Beitrag reagiert, der den Untertitel trägt, „Der Stalinismus, die SoZ und die heutige Bedrohung erkämpfter Freiheiten“ (SoZ 4/2026,S.20). Zwischenzeitlich meldete sich in der SoZ vom März 2026 Wolfgang Pomrehn, ein Autor des Artikels, der die Reaktionen ausgelöst hatte, mit einem Debattenbeitrag zu Wort, auf den ich mich im folgenden mit einer persönlichen Ansprache beziehe (SoZ 3/2026,S.20).
Lieber Wolfgang, Du willst in Deinem Beitrag zum Ausdruck bringen, dass wir vielleicht gar nicht so weit auseinanderlägen in unserer Einschätzung der DDR, ja, dass meine heftige Kritik an Eurer Sichtweise auf die DDR als nicht perfekter “realer Alternative zur Bundesrepublik“ und als „Versuch, eine nichtkapitalistische Gesellschaft zu schaffen“, möglicherweise auf einem Missverständnis beruhe.
Das ist es leider nicht! Unsere Auffassungen liegen weit auseinander oder, um es deutlich zu sagen, wir begreifen die sich selbst als kommunistisch respektive sozialistisch bezeichnenden Gesellschaften, die mit der bzw. im Anschluss an die Sowjetunion entstanden, grundverschieden: Du erkennst in ihnen Versuche, eine nichtkapitalistische Alternative zu schaffen, ich begreife sie als stalinistische Diktaturen. Du erkennst erinnerungswürdige linke Entwicklungen in der Bodenreform oder der Enteignungen der Kriegsverbrecher, für mich sind sie Bestandteile der Errichtung und Festigung der stalinistischen Diktatur im Osten Deutschlands.
Mich hat schon zu DDR-Zeiten die Frage danach beschäftigt, was die DDR nun eigentlich für eine Gesellschaft ist, aber die wichtigsten Erkenntnisse hatte ich wohl erst nach 1989. Das lag zum einen an der Möglichkeit, entsprechende Bücher lesen und in die Archive gehen zu können. Ich denke aber, es war vor allem die Möglichkeit und Fähigkeit, einen ganz anderen, einen für mich neuen Blick auf das epochale Ereignis des 20. Jahrhunderts werfen zu können. Dass ich seit den 1990er Jahren als Historikerin namentlich mit der Sozialgeschichte der Arbeiterbewegung befasst war, hat diesem Blick zudem eine bestimmte Richtung gegeben. Nun erschien die „Große Sozialistische Oktoberrevolution“ eher als Teil eines mächtigen Modernisierungssprungs für die Arbeiterklasse, der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals nicht ganz unähnlich, einer Industrialisierung unter der Knute einer Parteidiktatur, blutig unter Stalin, weniger blutig in der DDR, dennoch mit denselben diktatorischen Strukturen und Herrschaftsmechanismen.
Was in den Agrargesellschaften des Ostens als Fortschritt angesehen werden kann, gilt m. E. so nicht mehr für die 1949 bereits hochindustrialisierte DDR. Hier wurde mit der Übertragung der politischen, sozialen und ökonomischen Strukturen der sowjetischen Gesellschaft die kommunistisch-stalinistische Tradition der deutschen Arbeiterbewegung fortgesetzt, in der Bundesrepublik die sozialdemokratische. Erstere war zur Staatsmacht geworden, letztere versuchte, die Stärke der Arbeiterbewegung, die sie nach dem 2. Weltkrieg besaß, im Staat zu verankern. Eine gespaltene deutsche Arbeiterbewegung war entstanden, für die es vielleicht 1953 noch eine kleine Chance gegeben hätte als ostdeutsche Arbeiter:innen in der Hoffnung auf ein sozialdemokratisch vereintes Deutschland eine gesamtdeutsche Wahl forderten.
Das alles sind nur Andeutungen, die Dir zeigen sollen, in welche Richtung mein Nachdenken geht, vieles ist für mich noch nicht beantwortet. Dazu gehört auch die Frage, ob die Revolution von 1917 eine Revolution im Kapitalismus gewesen war, von dem wir ja inzwischen wissen, wie wandlungsfähig er ist, oder eine Revolution, die den Aufbau einer Gesellschaft ganz neuen Typs einleitete? Einiges spricht für diese Variante; ich neige jedoch stärker zur ersteren, vielleicht ein Ergebnis meiner Beschäftigung mit der ausgebeuteten und immer noch lohnabhängigen Arbeiterschaft?
Lieber Wolfgang, warum mache ich um die Frage nach dem Charakter der DDR so ein Gewese? Mir macht Sorge, dass sich in Teilen der „jungen Linken“ in Ermangelung einer wirklich sozialistischen Perspektive die Sehnsucht nach der DDR breit zu machen scheint, nach ihren „sozialistischen Anfängen“ und „guten Seiten“. Teile der „alten Linken“ unterstützen sie mit ihrer im „kalten Krieg“ gewonnenen Logik vom Kampf des Kapitalismus gegen den Sozialismus, die keinen Zweifel lässt, auf wessen Seite sich eine Linke zu schlagen hat. Das ist fatal!
Fatal in zweierlei Hinsicht: Zum einen lassen sich mit dieser Logik die derzeitigen globalen Umwälzungen nicht begreifen, zum anderen verbaut der Rückgriff auf die „guten Seiten“ der DDR-Diktatur das Nachdenken über eine Alternative jenseits von Kapitalismus und „Realsozialismus“. Leider stehen wir wohl in diesen Kämpfen um eine alternative Gesellschaft nicht mehr auf einer Seite, schade.
Renate Hürtgen
Berlin, 14. April 2026
Foto: DDR-Huldigungsprozession am 1. Mai 1989: https://deutsche-einheit-1990.de/friedliche-revolution/