
Wie in jedem Jahr am 1. September demonstrierten auch in diesem Jahr Linke in Deutschland und anderen Ländern gegen den Krieg und für den Frieden. Zum 87. Mal jährte sich der Tag, an dem Nazi-Deutschland 1939 Polen überfiel und den Zweiten Weltkrieg in Europa eröffnete.
Angesichts der gegenwärtigen Kriege und der Angst vor neuen Kriegen wird leider von vielen Friedensfreund:innen und Linken verdrängt, dass der Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen eine Vor- und parallel hierzu ablaufende Geschichte hat, die nicht gerade ein Ruhmesblatt in der Geschichte eines erheblichen Teils der Linken ist. Die einen Linken erlagen wichtigen Fehleinschätzungen über die Aggressivität des deutschen Faschismus, die anderen paktierten offen mit den Nazis und wurden zu Kumpanen Hitler-Deutschlands beim Überfall auf Polen. Doch das bleibt im Dunkeln linker Amnesie am Weltfriedenstag.

Viele pazifistische Friedensfreund:innen in England und Frankreich traten für eine aktive Appeasement-Politik ihrer Regierungen gegenüber Nazi-Deutschland ein – eine Politik, die zum Verrat an der Spanischen Republik in den Jahren 1936 bis 1939 sowie zum Verrat an der demokratischen Tschechoslowakei durch das Münchner Abkommen von 1938

führte; eine Politik, die auch den „Sitzkrieg“ nach dem Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen hervorbrachte: Der Krieg wurde Nazi-Deutschland zwar erklärt, aber nicht geführt. Dieser „komische Krieg“ und die ihm vorausgehende Appeasement-Politik endeten erst mit dem Überfall auf Frankreich und dem Sieg der Nazi-Wehrmacht im Jahr 1940.
Scheitern des linken Verrats der antifaschistischen Solidarität

Die Beschwichtigungspolitik gegenüber dem Nazi-Regime beruhte auf der Weigerung, die aggressive Entschlossenheit zur Kenntnis zu nehmen, mit der dieses Regime seine grenzrevisionistische Mission von einem „Germanischen Großreich“ durchsetzen wollte. Diese Weigerung damaliger Linker erinnert allzu deutlich an die heutige Weigerung von Linken, die aggressive Entschlossenheit zur Kenntnis zu nehmen, mit der das rechtsradikale Putin-Regime seine grenzrevisionistische Mission verwirklichen will: Russland nicht nur zu einer Großmacht in der Welt zu machen, wie die Sowjetunion es war, sondern auch zu einer antiliberal-diktatorischen eigenen „eurasischen Zivilisation“. Dieses rechtsradikale Projekt soll von Lissabon oder zumindest von den ehemaligen Satellitenstaaten der Sowjetunion in Europa bis nach Wladiwostok reichen. Die Niederwerfung des „verdorbenen Gayropas“, welches seine eigenen, vermeintlich christlich-konservativen Wurzeln zerstöre, ist dabei ein erklärtes Ziel der „eurasischen Mission“ Großrusslands. Dafür ist die Herrschaft über die Ukraine nur ein strategisch wichtiger Schritt zur Weltmacht.
Die in diesem Geist von Gewaltbildern strotzende und die Vernichtung europäischer Städte beschwörende Sprache höchster russischer Politiker:innen und Regime-Intellektuellen lässt ebenso wenig Zweifel an der Aggressivität des Putin-Regimes bei der Verwirklichung seiner Ziele aufkommen wie der systematische Terrorkrieg gegen die ukrainische Zivilbevölkerung oder eine Kriegsführung, die – in der Tradition von Zarismus und Stalinismus – die Vernichtung der eigenen Soldaten systematisch instrumentalisiert. Und die Quälerei von 20.000 Kriegsgegner:innen in den menschenfeindlichen russischen Haftanstalten spricht eine eigene Sprache gewaltförmiger Aggressivität des heute herrschenden Regimes in Russland.
Der Verweis darauf, dass das Putin-Regime nicht das Hitler-Regime sei, ist banal, denn an der Brutalität und Aggressivität, mit der das großrussische Imperium in den eroberten Gebieten der Ukraine durchgesetzt wurde und wird, ändert dieser Verweis nichts. Die systematische Folter gefangener ukrainischer Soldaten und anderer Anhänger:innen einer selbständigen Ukraine geschieht eben durch andere rechtsradikale Folterer, als jene von Hitlers Gestapo. Die Ignorierung, Leugnung oder Beschönigung dieser brutalen Realitäten des Putin-Regimes ist eine Schandtat jener deutschen Linken, die sich heute de facto auf die Seite des russischen Imperialismus schlagen. Sie zeigen nicht einmal Solidarität mit der russischen Linken, geschweige denn mit der in der Ukraine.
So schändlich 1938 die Bereitschaft war, die demokratische Tschechoslowakei dem brutalen Imperialismus Hitler-Deutschlands zu opfern, so schändlich ist die heutige Bereitschaft, die demokratische Ukraine dem brutalen Imperialismus Putin-Russlands zu opfern. Denn die Forderung nach einer Einstellung von Waffenlieferungen an die Ukraine bedeutet nichts anderes, als die Forderung nach der Auslieferung der demokratischen Ukraine an den russische Imperialismus.
Wie der Bruch des Münchner Abkommens durch den Einmarsch der Nazi-Wehrmacht in die Rumpf-Tschechoslowakei das Scheitern der Appeasement-Politik gegenüber Hitler-Deutschland deutlich machte, macht die Weigerung des Putin-Regimes zur Akzeptanz eines Waffenstillstands und die Aufrechterhaltung aller Ziele zur Auslöschung einer unabhängigen Ukraine, das Scheitern aller Appeasement-Forderungen gegenüber diesem Regime ebenso deutlich. Die immer aggressivere Ausweitung der hybriden Kriegsführung Putin-Russlands gegen die Europäische Union belegt zudem eine neue Dimension der imperialistischen Aggressivität des in Russland herrschenden Regimes.
Wer heute wissen will, kann alles über Ziele und Methoden des neu-rechten Putin-Regimes wissen und die Lehren aus dem Scheitern der Appeasement-Politik Englands und Frankreichs in den 1930er Jahren ziehen. Erst dann, wenn das Scheitern von Appeasement-Politik gegenüber aggressiven, Grenzen revidieren wollenden und zudem missionarischen Diktaturen begriffen ist, erst dann beginnen die wirklichen Probleme zur Formulierung einer emanzipatorischen sozialistischen Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Als sozialistische Politik kann sie kein Anhängsel bürgerlicher Regierungspolitik sein, muss aber erkämpfte politische wie soziale Freiheiten gegen autoritäre und faschistische Angriffe nicht nur von innen, sondern auch von außen verteidigen. Mit Blick auf den russischen Krieg gegen die Ukraine, ist die Solidarität mit der internationalistischen Linken und allen emanzipatorischen Bewegungen in beiden Ländern eine Selbstverständlichkeit für eine solche Politik.
Der Hitler-Stalin-Pakt
Zur Vorgeschichte wie zur parallel zum Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen existierenden Geschichte gehört nicht nur die von Pazifist:innen befeuerte Appeasement-Politik der Westmächte, sondern auch eine Schandtat, die von den Moskau treuen Kommunist:innen begangen und von ihren Nachfahren bis heute systematisch verdrängt oder kleingeredet wird: Der Hitler-Stalin-Pakt, der nicht nur zum unmittelbaren militärischen Flankenschutz der Sowjetunion für Hitler-Deutschlands Überfall auf Polen sowie für einen möglichen Krieg zwischen Nazi-Deutschland und den westlichen Garantiemächten Polens wurde, sondern der auch zur direkten imperialistischen Kumpanei bei der Vierten Teilung Polens führte. Diese Kumpanei gipfelte in einer gemeinsamen Siegesparade von Nazi-Wehrmacht und Stalins Roter Armee.

Bei der Aufteilung Polens zwischen Nazi-Deutschland und Stalins Sowjetunion blieb es freilich nicht. Auch die übrigen Gebiete Nord- und Osteuropas wurden den Interessensphären beider Mächte zugeschlagen, so dass die Sowjetunion Stalins fast alle Territorien Osteuropas und des Baltikums, die sich dank der Oktoberrevolution vom russischen Joch befreien konnten, durch ihre Eingliederung in die Sowjetunion erneut unter russische Herrschaft brachte.
Verrat des Antifaschismus durch Stalin und die Kommunistische Internationale
Mit dem Hitler-Stalin-Pakt wurde der bis dahin offizielle „Antifaschismus“ der Sowjetunion und der Kommunistischen Internationale (Komintern) über Nacht ausgelöscht. In der Sowjetunion verschwanden alle antifaschistischen Schriften und Bücher aus Geschäften und Bibliotheken, Plakate aus den Straßen oder Theaterstücke aus den Theatern. An die Stelle des „antifaschistischen Kampfes“ rückte der „Kampf gegen die imperialistischen Westmächte“ in den Mittelpunkt kommunistischer Aktivitäten. Jene Kommunist:innen, die mit dem Verrat des Antifaschismus durch Stalin und die Komintern nicht einverstanden waren, wurden selbst als „Verräter“ aus der kommunistischen Bewegung ausgestoßen und bekämpft.
Welche Bedeutung der Hitler-Stalin-Pakt für Hitler und seinen engsten Kreis für den Angriff auf Polen hatte, wollen wir mit einem seinerzeit nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Dokument deutlich machen, das aus der Feder von Joseph Goebbels stammt. Im Anschluss daran veröffentlichen wir den bis heute nur wenigen Linken im Originaltext bekannten Hitler-Stalin-Pakt mit seinem geheimen Zusatzprotokoll. Darin wird die Aufteilung der „Interessensgebiete“ zwischen Hitler-Deutschland und Stalins Sowjetunion festgeschrieben.
Für uns ist dieser „Pakt der Diktatoren“, der besonders in der Linken hinter der Geschichte des Holocaust und des faschistischen Vernichtungskriegs in der Sowjetunion weithin verdrängt und vergessen ist, gerade deshalb von zentraler Bedeutung, weil er die aktive Geschichte der Linken selbst betrifft. Er verdeutlicht den imperialistischen und großrussisch-nationalistischen Charakter des Stalinismus, der „Antifaschismus“ oder „Internationalismus“ als bloße Kostüme benutzt oder ablegt, wenn machtpolitisches Kalkül es gebietet. Zugleich belegt er auch die Tragödie seiner gläubigen Anhänger:innen, die unter Hitlers Fallbeil oder in den Konzentrationslagern als aufrechte Antifaschist:innen und Internationalist:innen für ein zutiefst verlogenes System gestorben sind.
Redaktion Blog Emanzipation & Geschichte
Fotos
Frontbild: Die Vierte polnische Teilung: Die vierte Teilung Polens; Poeticbent (dyskusja · edycje) redesigned from File: Wrzesien.gif uploaded to Commons by Piotrus (dyskusja · edycje) under GNU Free
Premier Lèon Blum: bibliothèque municipale de Toulouse, numérisation 66691/FRAC31555_PO1_1936-06
Poster der größten pazifistischen Organisation Großbrittaniens, Peace Pledge Union: Poster: By Rathfelder – Own work, CC BY-SA 4.0
Nach Unterzeichnung des Münchner Abkommens: Bundesarchiv, Bild 183-R69173 / CC-BY-SA 3.0
Handschlag Stalin-Ribbentrop nach Unterzeichnung des Hitler Stalin-Pakts: Bundesarchiv_Bild_183-H27337,_Moskau,_Stalin_und_Ribbentrop_im_Krem
Die Vierte polnische Teilung: Poeticbent (dyskusja · edycje) redesigned from File:Wrzesien.gif uploaded to Commons by Piotrus (dyskusja · edycje) under GNU Free
Joseph Goebbels über den Hitler-Stalin-Pakt
Redaktionelle Vorbemerkumg des Blog Emanzipation & Geschichte:
Am 24. August 1939, der Nacht der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Pakts, also eine Woche vor dem Überfall auf Polen, formulierte der Chef-Propagandist des Nazi-Reiches, Joseph Goebbels, in seinem Tagebuch die Aufteilung Polens und Osteuropas sowie die beidseitige Nichtanerkennung der britischen und französischen Garantien für Polen als den Kern des Deals mit Stalin völlig offen und eindeutig.
Das bemerkenswerte Zitat haben wir folgender informativer Quelle entnommen: Bernhard H. Bayerlein: „Der Verräter, Stalin, bist Du!“. Vom Ende der linken Solidarität. Komintern und Kommunistische Parteien im Zweiten Weltkrieg 1939 bis 1941. Unter Mitarbeit von Natalja S. Lebedewa, Michail Narinski und Gleb Albert. Mit einem Zeitzeugenbericht von Wolfgang Leonhard. Mit einem Vorwort von Hermann Weber, 1, Auflage 2008, © Aufbau Verlagsgruppe GmbH, Berlin 2008, S. 145.
Goebbels:
„An Stalin hat der Führer einen persönlichen Brief gerichtet, in dem er ihm ein sehr weitgehendes Angebot macht, Stalin hat darauf sehr liebenswürdig geantwortet. Das Ergebnis sind die Verhandlungen in Moskau. Der Osten Europas wird zwischen Berlin und Moskau aufgeteilt. Rußland will natürlich einen Teil des Baltikums. Soll es haben. Polen wird aufgeteilt. Anderer Mächte Interessen in Osteuropa werden nicht anerkannt. Die Frage des Bolschewismus ist im Augenblick von untergeordneter Bedeutung. Auch glaubt der Führer, daß er sich in der Mauserung befindet. […] Endlich nachts um 1h Durchgabe des Communiqués: vollkommener Akkord. Nichtangriffs- und Konsultationspakt auf 10 Jahre. Ein Vertrag auf sehr weite Sicht und sogleich in Kraft tretend. Ein weltgeschichtliches Ereignis von [unüberseh]barer Konsequenz. Der Führer und wir alle sind sehr glücklich. Noch bis 4h besprechen wir die daraus sich ergebenden Möglichkeiten.“
Der Hitler-Stalin-Pakt.
Texte vom 23. August 1939
Vorbemerkung der Redaktion des Blog Emanzipation & Geschichte:
Dem hier mit der Absicht, ihn einer linken Vergessenheit zu entreißen, erneut veröffentlichten „Nichtangriffsvertrag“ mit seinem geheimen Zusatzprotokoll vom 23. August 1939, der dem „Dritten Reich“ für seinen geplanten Überfall auf Polen die Ostflanke in einem dann erwartbaren Krieg mit Frankreich und Großbritannien als Garantie-Mächten Polens schützte, folgte nach der Aufteilung Polens durch Nazi-Deutschland und Sowjetunion am 28. September 1939 ein „Grenz- und Freundschaftsvertrag“, der den Pakt der Diktatoren komplettierte. Er enthielt ebenfalls geheime Zusatzprotokolle. Darin wurden die Interessensgebiete beider Mächte „endgültig“ festgelegt und von Stalin und Reichsaußenminister Ribbentrop persönlich signiert. Die zuvor diskutierte Möglichkeit eines polnischen Rumpfstaats wurde verworfen. Die Sowjetunion überließ das Gebiet um Warschau den Deutschen und erhielt dafür Litauen und somit das gesamte Baltikum.
Ihre neue Westgrenze zum Deutschen Reich entsprach etwa der vom britischen General Curzon während des Ersten Weltkriegs vorgeschlagenen Ostgrenze für ein wieder erstehendes Polen. Im Falle eines Siegs der Westmächte über das „Dritte Reich“ hatte sich die Sowjetunion damit auch bessere Karten für die Anerkennung ihrer Expansion durch die Westmächte geschaffen.
Der gesamte westliche Teil Polens bis einschließlich Warschau sollte dem Deutschen Reich zugeschlagen werden, während die Sowjetunion nicht nur das Baltikum, sondern auch Finnland sowie das rumänische Bessarabien erhalten sollte.

Der Hitler-Stalin-Pakt schuf somit nicht nur die Voraussetzungen für den Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen, sondern eben auch die Voraussetzung für die gemeinsame Zerstörung eines eigenständigen polnischen Staats. Der Pakt war zugleich aber auch der Rahmen für die gewaltsame Okkupation der drei unabhängigen baltischen Staaten und für den Überfall der Sowjetunion auf Finnland im Jahr 1940, der zur Abtretung Kareliens an das sowjetische Russland führte.
Während der Überfall Nazi-Deutschlands auf Frankreich und die anderen Nachbarstaaten Deutschlands in dem Gedächtnis der Linken durchaus präsent ist, sind die gewaltsamen Eroberungen der Sowjetunion in den Jahren 1939 und 1940 in der Linken weitgehend vergessen. Dabei waren sie mit Massakern wie der Ermordung zehntausender Offiziere der polnischen Armee in Katyn oder Massenvertreibungen der einheimischen Bevölkerung aus den eroberten Gebieten nach Sibirien oder Kasachstan verbunden.
Der Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion veränderte allerdings den Verlauf des Zweiten Weltkriegs sowie die „Neuordnung Osteuropas“ völlig, änderte aber nichts an dem imperialistischen Charakter des Hitler-Stalin-Pakts und seiner Akteure. Mit dem Sieg über Nazi-Deutschland konnte die Sowjetunion ihre Eroberungen von 1939/1940 nicht nur behalten, sondern weit übertreffen und sich einen Cordon sanitaire von Satelliten-Staaten in Osteuropa zulegen.
Grafik: Karte vom 28. September 1939 mit den Unterschriften von Stalin und Ribbentrop. Die kleineren Unterschriften Stalins bezeichnen abgestimmte kleinere Veränderungen der Linie. Wikimedia commons, gemeinfrei
Nichtangriffsvertrag zwischen Deutschland und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken
Die Deutsche Reichsregierung und die Regierung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken
geleitet von dem Wunsche die Sache des Friedens zwischen Deutschland und der UdSSR zu festigen und ausgehend von den grundlegenden Bestimmungen des Neutralitätsvertrages, der im April 1926 zwischen Deutschland und der UdSSR geschlossen wurde, sind zu nachstehender Vereinbarung gelangt:
Artikel I.
Die beiden Vertragschliessenden Teile verpflichten sich, sich jeden Gewaltakts, jeder aggressiven Handlung und jedes Angriffs gegen einander, und zwar sowohl einzeln als auch gemeinsam mit anderen Mächten, zu enthalten.
Artikel II.
Falls einer der Vertragschliessenden Teile Gegenstand kriegerischer Handlungen seitens einer dritten Macht werden sollte, wird der andere Vertragschliessende Teil in keiner Form diese dritte Macht unterstützen.
Artikel III.
Die Regierungen der beiden Vertragschliessenden Teile werden künftig fortlaufend zwecks Konsultation in Fühlung zueinander bleiben, um sich gegenseitig über Fragen zu informieren, die ihre gemeinsamen Interessen berühren.
Artikel IV.
Keiner der beiden Vertragschliessenden Teile wird sich an irgend einer Mächtegruppierung beteiligen, die sich mittelbar oder unmittelbar gegen den anderen Teil richtet.
Artikel V.
Falls Streitigkeiten oder Konflikte zwischen den Vertragschliessenden Teilen über Fragen dieser oder jener Art entstehen sollten, werden beide Teile diese Streitigkeiten oder Konflikte ausschliesslich auf dem Wege freundschaftlichen Meinungsaustausches oder nötigenfalls durch Einsetzung von Schlichtungskommissionen bereinigen.
Artikel VI.
Der gegenwärtige Vertrag wird auf die Dauer von 10 Jahren abgeschlossen mit der Massgabe, dass, soweit nicht einer der Vertragschliessenden Teile ihn ein Jahr vor Ablauf dieser Frist kündigt, die Dauer der Wirksamkeit dieses Vertrages automatisch für weitere fünf Jahre als verlängert gilt.
Artikel VII.
Der gegenwärtige Vertrag soll innerhalb möglichst kurzer Frist ratifiziert werden. Die Ratifikationsurkunden sollen in Berlin ausgetauscht werden. Der Vertrag tritt sofort mit seiner Unterzeichnung in Kraft.
Ausgefertigt in doppelter Urschrift, in deutscher und russischer Sprache,
Moskau am 23. August 1939.
Für die deutsche Reichsregierung: I. Ribbentrop
In Vollmacht der Regierung der UdSSR: W. Molotow
Hier nach: Politisches Archiv des Аuswärtigen Amtes, f 11/0048-0050. Mikrofilm.
Geheimes Zusatzprotokoll
Aus Anlass der Unterzeichnung des Nichtangriffsvertrages zwischen dem Deutschen Reich und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken haben die unterzeichneten Bevollmächtigten der beiden Teile in streng vertraulicher Aussprache die Frage der Abgrenzung der beiderseitigen Interessensphären in Osteuropa erörtert. Diese Aussprache hat zu folgendem Ergebnis geführt:
1. Für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung in den zu den baltischen Staaten (Finnland, Estland, Lettland, Litauen) gehörenden Gebieten bildet die nördliche Grenze Litauens zugleich die Grenze der Interessenssphären Deutschlands und der UdSSR. Hierbei wird das Interesse Litauens am Wilnaer Gebiet beiderseits anerkannt.
2. Für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung der zum polnischen Staate gehörenden Gebiete werden die Interessenssphären Deutschlands und der UdSSR ungefähr durch die Linie der Flüsse Narew, Weichsel und San abgegrenzt.Die Frage, ob die beiderseitigen Interessen die Erhaltung eines unabhängigen polnischen Staates erwünscht erscheinen lassen und wie dieser Staat abzugrenzen wäre, kann endgültig erst im Laufe der weiteren politischen Entwicklung geklärt werden.In jedem Falle werden beide Regierung diese Frage im Wege einer freundschaftlichen Verständigung lösen.
3. Hinsichtlich des Südostens Europas wird von sowjetischer Seite das Interesse an Bessarabien betont. Von deutscher Seite wird das völlig politische Desinteresse an diesen Gebieten erklärt.
4. Dieses Protokoll wird von beiden Seiten streng geheim behandelt werden.
Moskau, den 23. August 1939.
Für die deutsche Reichsregierung: I. Ribbentrop
In Vollmacht der Regierung der UdSSR: W. Molotow
Hier nach: Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, f 19/182-183. Mikrofilm.
Quelle: 1000(0) SCHLÜSSELDOKUMENTE, https://www.1000dokumente.de/Dokumente/Nichtangriffsvertrag_zwischen_Deutschland_und_der_Sowjetunion