
Vor 85 Jahren versank die Welt in die „Mitternacht des Jahrhunderts“ (Victor Serge). Mit dem Überfall Hitlers auf Polen, dem Stalin nach zwei Wochen folgte – offiziell mit dem Schutz der dort lebenden ukrainischen und belarusischen „Brüder“ begründet –, begann der Zweite Weltkrieg. Eine entscheidende Weichenstellung für diese unheilvolle Entwicklung war der Abschluss des Stalin-Hitler-Paktes in der Nacht vom 23. auf den 24. August 1939, der das Schicksal von Staaten, Nationen, Minderheiten und Hitler- wie Stalingegnern maßgeblich bestimmte, den Antifaschismus pervertierte und die linke Solidarität der Arbeiterbewegung definitiv zerstörte. Das angeblich dem Frieden dienende Abkommen zeigt, wie deutsch-russische Beziehungen in der Katastrophe enden können. Angesichts des allseits beschworenen Fortschrittsglaubens und des „inneren Verrats“ der Politik richtete der „Engel der Geschichte“ den Blick starr auf den heillosen Trümmerhaufen des Geschehens. Vor schierem Entsetzen kann er sich nicht mehr abwenden, wird selbst vom Strudel mitgerissen und kehrt von nun an der Zukunft der Menschen den Rücken zu. Mit dem allegorischen Bild Paul Klees beschrieb der Kulturphilosoph Walter Benjamin 1939 die Folgen des „russischen Dolchstosses“ (Willi Münzenberg), bevor sich die Nachricht über seinen Selbstmord in den Pyrenäen verbreitete.

Bernhard H. Bayerlein, Honorary Senior Researcher am Institut für siale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum, ist Historiker, Politikwissenschaftler und Romanist. Er forscht zur Geschichte des internationalen Kommunismus und Stalinismus, zu europäischen Identitäten und zum Komplex ‚Vereinigte Staaten von Europa‘. Veröffentlichungen u. a. „Deutscher Oktober 1923“, „Der Thälmann-Skandal“ (2003), „Der Verräter, Stalin, bist Du!“ (2008, russ. 2011), „Deutschland-Russland-Komintern“ (3 Bde., 2014/15), sowie zuletzt „Netzwerke gegen Hitler und Stalin. Die Pariser Wochenzeitung ‚Die Zukunft‛, Willi Münzenberg und der Traum vom neuen Europa“ (2025).

Die Wahrnehmungsgeschichte der zweijährigen mörderischen Allianz von Hitler und Stalin zeigt indes, dass die europäische Erinnerungspolitik – speziell die deutsch-russische – auch heute noch große Fehlstellen aufweist. In Propaganda und Wahrnehmungsgeschichte wurde um den „Teufelspakt“ (Julián Gorkin) das größte Lügengewebe des 20. Jahrhunderts geflochten, wie es der französische Historiker Jean-Jacques Marie beschrieb.
Die Erfolgsgeschichte der Sowjetunion als Siegermacht im Zweiten Weltkrieg überstrahlt und verdrängt bis heute die Allianz und Kooperation von Faschismus und Stalinismus in der offiziellen „deutsch-sowjetischen Freundschaft“ und die deutsche Nachsicht gegenüber dem Stalinismus trägt zusätzlich zur Amnesie bei. Dabei betrifft der historische Gegenstand nicht nur die Academia, sondern beeinflusst maßgeblich das Grundverständnis der Geschichte des Zweiten Weltkriegs und des 20. Jahrhunderts. Erst die empirische, wahrheitsbasierte Aufarbeitung schafft eine Grundlage für das zukünftige Handeln. Zum 80. Jahrestag des Pakts 2019 hat das Europaparlament den 23. August zwar zum „Europäischen Tag des Gedenkens an die Opfer von Nationalsozialismus und Stalinismus“ ausgerufen, doch solche Gedenktage lassen sich – zumal nach Jahrzehnten der Verharmlosungen und Relativierungen – nicht einfach von oben verordnen.

Auch die Umsetzung in der Erinnerungs- und Kulturpolitik und der politischen Bildungsarbeit verlief bis heute nur schleppend. Von interessierter Seite gesteuerte Lügen- und Propagandaerzählungen, Relativierungen oder schlichtes Ableugnen trugen dazu bei, dass man in der Geschichtsforschung von einem umfassenden Verständnis des „Teufelspaktes“ noch weit entfernt ist. Legitimatorische Erzählungen sind weiter en vogue. Es werden taktische, „realpolitische“ Gründe für den Paktabschluss ins Feld geführt wie etwa die mangelnde Verteidigungsbereitschaft der Sowjetunion, die tatsächlich eine Folge von Stalins Enthauptung der Roten Armee war – oder auch der erreichte Zeitgewinn zur Aufrüstung. Gerade der fundamentale Charakter der Transformation wird jedoch infrage gestellt und damit ein Stück Mauerwerk aus der Geschichte herausgebrochen. Diskurse wie der von Molotov gebetsmühlenartig wiederholte Pragmatismus Stalins, die auch westliche Historiker übernehmen, entbehren zwar nicht völlig der Wahrheit, können jedoch die Kollaboration als neue Qualität und Kerninhalt nicht abdecken. Der Pakt mit von vornherein deutlichen Vorteilen für Hitler hielt diesem für die Eroberung Europas (und nicht nur von Teilen Mittel-Osteuropas) den Rücken frei und schmierte zudem maßgeblich die deutsche Kriegsmaschinerie.
Der Blick auf die öffentliche Wahrnehmungsgeschichte zeigt, dass insbesondere in Deutschland der historischen Genese, dem Inhalt und der globalen Tragweite des Pakts für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs nicht die notwendige Beachtung geschenkt wird. Blickt man auf den 85. Jahrestag 2024, blieben über papierene Verlautbarungen hinausgehende Events, Lesungen oder Erinnerungsprojekte aus. Die bundesdeutschen Institutionen, ob Bildungsträger wie die Bundes- und Landeszentralen für politische Bildung oder politische und humanitäre gemeinnützige Stiftungen, scheinen von Amnesie erfasst. Selbst Trumps unverhohlene Orientierung auf einen Pakt mit Putin-Russland und eine Verschiebung der Einflusszonen in Europa haben daran bis heute nichts verändert. Allein das ehemalige Deutsch-Russische Museum, heute Museum Berlin-Karlshorst, kuratierte eine Ausstellung, die sich jedoch auf die Folgen für Ost-Mitteleuropa beschränkte und darüber hinausgehende Fragestellungen ausdrücklich ausklammerte.
Der Autor dieses Beitrags ging andere Wege und brachte zusammen mit Schauspielern eine szenische Lesung über den Pakt auf die Bühne des Neuen Schauspiels Leipzig. Anhand geheimer Dokumente aus Moskauer Archiven beleuchtet das Recherchestück die unheilvolle Rolle Stalins als neuen Bündnispartner Hitlers, eben weil bis dahin die Sowjetunion die weltweite Führungsrolle als Friedensmacht und Vorreiter des Sozialismus für sich beanspruchte. Der mit der Russischen Revolution konkreter gewordene vielleicht größte Menschheitstraum endete jedoch mit einem entsetzlichen Rückfall in die nationale Unterdrückung und die Barbarei von Faschismus und Stalinismus. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass zum 85jährigen Jubiläum des Pakts allein auf weiter Flur die Rosa-Luxemburg-Stiftung ein solches Veranstaltungsangebot machte. Die Bundesstiftung Aufarbeitung der DDR-Diktatur mit dem Historiker Jörg Baberowski, der sich medial als Putinversteher („Am Ende wird Putin bekommen, was er verlangt“) profiliert hat und der Ukraine mit frechen Sprüchen das Existenzrecht abspricht („Die Ukraine ist nicht unser Sicherheitsgarant“), verzichtete auf ein öffentliches Event. Sie gab eine kurze Presseerklärung heraus, die wiederum „das Fehlen an historischem Wissen und damit an Empathie für das Schicksal der Menschen in Osteuropa“ monierte. Das Schicksal Polens, der baltischen Staaten und Rumäniens darf jedoch nicht den Blick auf die aktive deutsch-russische Kollaboration insgesamt verstellen. Und mit Blick auf heute ergibt sich eine weitere Parallele: Die Liquidierung der Westukraine 1939 war nicht zuletzt ein Mittel des Sowjetstaats, um den Unabhängigkeitsfunken der Ukrainer auszutreten, die wie kaum eine andere unterdrückte Nationalität unter dem russischen Joch litten.
Der Plan Stalins ging in Erfüllung – vorerst

Heute werfen Dokumente aus russischen Geheimarchiven neue Fragen auf. Hatte es Stalin nicht bereits viel früher als 1939 darauf angelegt, mit NS-Deutschland ein dauerhaftes Abkommen zu erreichen? Gab es nicht einen insgeheim verfolgten Plan? Ein geheimes Treffen in der russischen Botschaft Unter den Linden im Februar 1933 zeigt, dass Moskau bereits kurz nach der „Machtergreifung“ Hitlers die Hitlergegner sang- und klanglos im Stich ließ und dabei die eigenen Genossen verriet. Während einige SPD-Verantwortliche unter Hinweis auf die verfolgten Kommunisten darauf drängten (kurz zuvor hatten es SPD und KPD noch abgelehnt, gemeinsam gegen die Machtergreifung vorzugehen), doch etwas gegen die noch ungefestigte Macht Hitlers zu unternehmen, erklärte der Pressesprecher der Botschaft und Geheimdienstoffizier Boris Vinogradov die Verfolgung und Ausschaltung der Hitler-Gegner (auch die der KPD selbst!) zur inneren Angelegenheit Deutschlands, in die sich die Sowjetunion nicht einzumischen habe.
Kritische Zeitzeugen und Dissidenten, darunter Exilanten in Frankreich, der Sowjetunion und der weltweiten Diaspora wie Wolfgang Leonhardt, Victor Serge, Willi Münzenberg, Manès Sperber, Lew Trotzki oder Anna, Hans und August Siemsen erkannten von vornherein: Der Kerninhalt, die Essenz des Paktes stand in flagrantem Widerspruch zu seiner diplomatischen Verbrämung als Nichtangriffs- und Friedensvertrag. Das ab September 1939 durch einen deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag flankierte Bündnis war nicht bloß als zeitlich begrenzter Lückenbüßer konzipiert, bis die eine oder andere Seite ausreichend für einen Angriff aufeinander wiederbewaffnet war.
Die aktive, strategische, politische und wirtschaftliche deutsch-russische Zusammenarbeit ging über die in mehreren Geheimprotokollen niedergelegten territorialen und neoimperialistischen Ziele zur Neuaufteilung der Einflusszonen in Europa noch hinaus, in denen ein großer Teil Polens und Litauens NS-Deutschland, Estland, Lettland, Finnland und das rumänische Bessarabien dagegen der Sowjetunion zugeschlagen wurde. Die Kollaboration diente insbesondere Hitlers Kriegsvorbereitungen und Feldzügen zur Zerstörung der europäischen Demokratie, der insofern der Hauptnutznießer war. Die sowjetischen „Säuberungen“ gegen kommunistische Politiker, Diplomaten und Militärs seit 1936 lassen sich als eine Art vorbeugende Maßnahmen erklären, darüber hinaus auch die zunehmende Zersetzung der Komintern, die Abkehr vom Internationalismus und weltweit die Schwächung des Antifaschismus und des Antikolonialismus. Stalin schonte nicht nur das NS-System, sondern, wie 1935 an der Reaktion auf den neokolonialen Überfall auf Abessinien erkennbar, auch den Faschisten Mussolini.
Zu den Opfern des stalinistischen Terrors gehörten in den deutsch-sowjetischen Beziehungen beschlagene Politiker, neben den langjährigen Botschaftern in Berlin David Kandelaki, Nikolai Krestinski und Wladimir Dekanosow auch Karl Radek als der einschlägig beste Deutschlandexperte. Keineswegs nur als „Kollateralschaden“ traf der Terror Oppositionelle, Dissidenten, aber auch einfache Mitglieder der kommunistischen Parteien, von denen viele noch in der internationalistischen Tradition der Oktoberrevolution sozialisiert waren und sich mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Bündnis mit Hitlerdeutschland entgegengestellt hätten. KPD-Funktionäre wie Ulbricht und Pieck halfen eifrig mit und denunzierten Kritiker öffentlich, auch im Exil und im illegalen Widerstand, oder lieferten diese direkt an die mörderischen NKVD-Troikas aus. Dass ungefähr 80% der deutschen Exilanten in der Sowjetunion ermordet oder auf andere Weise in den Tod getrieben wurden, war eine weitere makabre Folge. Ein besonderes Entgegenkommen Stalins an Hitler war die Auslieferung von ca. 250 deutschsprachigen Hitlergegnern – größtenteils Kommunisten – die, wie Margarete Buber-Neumann, Witwe des bereits früher getöteten KPD-Führers Heinz Neumann, oder der ehemalige Sekretär der Bezirksleitung Ruhr der KPD, Arnold Klein, an der neuen deutsch-sowjetischen Grenze auf der Bug-Brücke in Brest an die Gestapo übergeben wurden.
Liquidierung des Antifaschismus

In der deutschsprachigen Exil-Community schlug der Paktabschluss wie ein Blitz ein und vertiefte den sich seit den Moskauer Prozessen verstärkt vollziehenden antistalinistischen Transformationsprozess der Anti-Hitler Opposition. Der emotionale Weckruf „Der Verräter, Stalin, bist Du!“, den der weltweit herausragende antifaschistische Organisator und linke Medienmanager Willi Münzenberg dem ihm gut bekannten Kreml-Herrscher entgegenschleuderte, war ein Fanal. In der Pariser Wochenzeitung Die Zukunft denunzierte er den besonders gegen die freiheitliche Linke gerichteten „russischen Dolchstoß“. Selbst gesicherte Sympathisanten Moskaus wie Bertolt Brecht und Heinrich Mann reagierten schockiert, wenn auch nur privatissime. „Der Schakal im Kreml“, schrieb Mann; Trotzki habe es „immer gewußt“. An Weihnachten 1939 notierte Brecht in seinem Tagebuch: „An der Seite Hitlers gibt es für jedes Regime der Welt nur den Untergang, nichts sonst.“
Die bis heute gespenstisch anmutende „Freundschaft der Völker Deutschlands und der Sowjetunion“, für Stalin war sie Programm. Der Völkische Beobachter wie der „Großdeutsche Rundfunk“ feierten die Entfesselung des Zweiten Weltkriegs und gleichzeitig pries Hitler überschwänglich die deutsch-sowjetische Freundschaft, sprich die Rückendeckung Stalins. In seiner berühmt-berüchtigten Reichstagsrede vom 1. September 1939 gab Hitler das Fanal für den Angriff auf Polen („Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen!“) und lobte zugleich den Pakt mit Stalin, der „für alle Zukunft jede Gewaltanwendung ausschließt”. “Jeder Kampf unserer Völker gegeneinander” würde nur anderen einen Nutzen abwerfen.
Umgekehrt beschwor Stalin in einer an Außenminister Joachim von Ribbentrop gerichteten Antwort auf Hitlers Glückwunschtelegramm zum 60. Geburtstag am 26. Dezember 1939 die „durch Blut gefestigt(e)“ Freundschaft, die allen Grund hätte, „lang und dauerhaft“ zu sein – „Blut“, das war die Sprache der Nationalsozialisten. Über die gemeinsame Zerschlagung Polens und die vereinbarte Unterjochung Ostmitteleuropas hinaus umfasste die deutsch-russische Zusammenarbeit die logistische Unterstützung für die Eroberungsfeldzüge der Wehrmacht durch die Lieferung von Öl, industriellen Rohstoffen und Getreidelieferungen aus der Sowjetunion und weiterer Staaten, die Zersetzung der Demokratien, die Schwächung der Anti-Hitler-Opposition und des Widerstands, die Liquidierung der linken Solidarität, die Auslieferung von Hitlergegnern an die Gestapo. Die Kollaboration reichte bis zur Angleichung der nationalistisch bis chauvinistisch ausgerichteten Kultur- und Medienkanäle, aus denen das Wort „Faschismus“ verschwand. Sergej Eisenstein inszenierte Wagner am Bolschoi-Theater, die Bibliotheken der UdSSR wurden gesäubert, antifaschistische Werke von Thomas und Heinrich Mann oder Franz Werfel (und sogar diejenigen kommunistischer Autoren wie Willi Bredel, Hans Marchwitza und Erich Weinert) verschwanden genauso wie die Emigrantenzeitungen. Antifaschistische Filme, darunter „Professor Mamlock“ nach dem Stück von Friedrich Wolf und „Familie Oppenheim“ nach Lion Feuchtwanger, wurden kurzerhand abgesetzt, wie Zeitzeuge Wolfgang Leonhard berichtet.
Weltweite Abkehr von der Revolution …
Fragt man nach dem strategischen Hintergrund als Erklärungsmoment, kommt die Transformation der Sowjetunion zum bürokratischen Absolutismus (Moshe Lewin) ins Spiel. Für Stalin war der Internationalismus spätestens seit der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre nur noch eine Floskel, bestenfalls rhetorisches Beiwerk. Die Idee der Weltrevolution galt nunmehr als „Unsinn“ und war zudem „trotzkistisch“ konnotiert, da die Trotzkisten ja angeblich den sozialistischen Aufbau der Sowjetunion hintertrieben. Als der „Steuermann im Kreml“ zu Beginn des Großen Terrors vom amerikanischen Journalisten Roy Howard nach der Weltrevolution gefragt wurde, verneinte er diese und gab die kurze, aber kategorische Antwort: „Das ist ein Missverständnis.“ „Ein tragisches Missverständnis?“, fragte der Korrespondent erstaunt zurück. „Nein, ein komisches, oder wenn Sie wollen, ein tragisch-komisches.“
Höhepunkt war dann 1939 die Wendung gegen die westlichen Demokratien und die sang- und klanglose Liquidierung des Antifaschismus, den die Sowjetunion als Staat ohnehin nicht mehr vertrat. Die vom Politbüro der KPdSU gesteuerte Komintern vollzog die Transformation mit. Dem vorausgegangen war bereits die Anpassung der KPD als wichtigster Sektion der Komintern außerhalb der Sowjetunion an den NS-Sprech („Unser Führer Ernst Thälmann!“). Ein deutliches Zeichen für die Hinwendung zu den faschistischen und autoritären Achsenmächten war die (über Jahrzehnte hinweg geheim gebliebene) Absichtserklärung Stalins und seines Außenministers Molotov 1939/40, dem auch vom spanischen „Caudillo“ Franco unterstützten Dreimächtepakt Deutschlands, Italiens und Japans, dem „Antikominternpakt“(!) beizutreten. Und im Frühjahr 1941 spielte Stalin mit dem Gedanken, die Komintern als ein letztes ultimatives Geschenk zur Beschwichtigung Hitlers aufzulösen, um ihn vom Überfall auf die Sowjetunion abzubringen (nachzulesen in den Tagebüchern des Komintern-Generalsekretärs Georgi Dimitrov). Zu beidem kam es allerdings nicht mehr, da Hitler, während er bis zum Ende von den russischen Rohstoff- und Getreidelieferungen profitierte, bereits seine Generäle instruiert hatte, den Überfall auf die Sowjetunion vorzubereiten. Am 21. Juni 1941 beendete Hitler den Pakt und startete den Angriff der Wehrmacht auf die unvorbereitete Sowjetunion („Operation Barbarossa“), während Stalin völlig ungläubig von Hitlers „Verrat“ des Pakts fabulierte. Bis dahin hatte er alle geheimdienstlichen Warnungen in den Wind geschlagen und lieferte bis zum Schluss das der eigenen Bevölkerung vorenthaltene Getreide und Öl an das Deutsche Reich. Dank dieser Unterstützung konnte die Wehrmacht in der Zwischenzeit Belgien, die Niederlande, Frankreich und Teile Skandinaviens überrollen.

Der Generalnenner der sowjetischen Entwicklung unter dem Gewaltherrscher, die Nationalisierung und Russifizierung des Kommunismus, vollzog sich nicht unbedingt als ein Deus ex machina, sondern als vielschichtiger Prozess mit unterschiedlichen Facetten seit der Oktoberrevolution. Noch zu Lebzeiten Lenins anfangs der zwanziger Jahre kam es zu einem Bruch zwischen den Internationalisten bzw. „Internationalisierern“ und den „Nationalisierern“ in der bolschewistischen Partei. Bereits 1921 forderte Lenin zunächst die Absetzung des Emissärs Sergo Ordschonikidse in Georgien als „großrussischen Chauvinisten“ und später auch die Stalins als Generalsekretär. Doch Isolierung und Krankheit trugen in der Folge dazu bei, dass sich die restriktive und repressive Nationalitätenpolitik der „sozialistischen Kolonisatoren“ schließlich definitiv durchsetzte. Somit ergab sich im 20. Jahrhundert die paradoxe Situation, dass nicht nur der Nationalismus und Faschismus, sondern neben dem Republikanismus und der Demokratie, dem Liberalismus, dem Sozialismus der Sozialdemokratie eben auch der Kommunismus auf die nationale Idee als Hauptbezugspunkt zurückgriff, als Ausdruck der Integration in das vom Imperialismus bestimmte Weltsystem. Die besondere Transformation des ursprünglich internationalistischen Kommunismus lässt sich also dialektisch als „transnationale Nationalisierung“ umschreiben. Im Innern obsiegte der Unterdrücker- und Sklavenstaat und in der außenpolitischen Ausrichtung trat die antirevolutionäre Stoßrichtung deutlich zutage. In der Realität war es unmöglich, diese Widersprüche aufzulösen, was schließlich zum Kollaps der Sowjetunion führte.
Für George Orwell, den Autor von „1984“, war der Stalin-Hitler-Pakt das Muster für die nationalistische Manipulation und Unterdrückung von Geschichte, ja die Geburtsstunde von fake news im modernen Sinn. Tatsächlich wurde der Vertrag in den Ländern des „realen Sozialismus“ bis zuletzt verschwiegen, umgedeutet oder mit Zweifeln behaftet. Angesichts Putins Argumentation erscheint er uns heute als „erschreckende Parallele“ (Matthäus Wehowski). Dagegen knüpften freiheitliche Strömungen, häufig dissidentische kommunistische, sozialdemokratische, liberale und konservative Akteure und Dritte-Wege-Bewegungen in der Diaspora Netzwerke gegen das Diktat Hitlers und Stalins.
Die bis heute kaum beachteten Reaktionen und Analysen von Sperber und Münzenberg, von Arthur Koestler, Otto Klepper, Hermann Rauschning, Paul Ludwig Landsberg und anderen verdichteten sich noch 1939/1940 zu einer aufwühlenden, faszinierenden zeitgeschichtlichen Debatte, die darauf wartet, neu entdeckt zu werden.
Nicht wenige Kritiker zahlten als Opfer aus Moskau gesteuerter Todeskommandos mit dem Leben. Auf teilweise noch ungeklärte Art und Weise kamen 1940 drei zentrale politische und intellektuelle Akteure des 20. Jahrhunderts 1940 gewaltsam ums Leben: Lew Trotzki in Mexiko, Willi Münzenberg und Walter Benjamin in Frankreich, und darüber hinaus viele andere Stalingegner wie Walter G. Kriwitzki in Washington und Fjodor Raskolnikow in Nizza.
Drohende neue Pakte
Die Geschichte spannt den Bogen bis in die Gegenwart. Der 75 Jahre nach dem Pakt entfesselte

russische Vernichtungskrieg gegen die Ukraine lenkt den kritischen Blick erneut auf die deutsch-russischen Beziehungen. Das Geschehen von 1939 lieferte Putin wohl Muster, was die politische Methodik, die Herrschaftspraktiken und den Einsatz der Propaganda angeht. Die Vernichtung Polens wie auch der Angriff der sowjetischen Armee auf das kleine Finnland wurden mit der angeblichen „faschistischen“ nationalen Unterdrückungspraxis der angegriffenen Staaten begründet. Seinerzeit ging es darum, Polen „als faschistischen Staat“ zu vernichten, heute wird der Vorwurf der Ukraine entgegengeschleudert. Dabei sollen wie damals alle Spuren, Inhalte und Ziele, die auf historische Vorläufer oder auch die Unabhängigkeitsbestrebungen hindeuten, verwischt und aus der historischen Erinnerung getilgt werden. Als weitere Analogie lässt sich die Untätigkeit der europäischen Demokratien („Appeasement“) Ende der dreißiger Jahre mit dem zögerlichen Abwarten des Westens seit Beginn des Ukraine-Kriegs vergleichen. Dass Putin den Krieg gestützt auf die politischen und geschäftlichen Beziehungen mit Deutschland vom Zaun brach, erweitert die Parallelen.
Russische Kämpfer für unabhängige Gewerkschaften weisen mit Recht darauf hin, dass in den letzten 25 Jahren, während multinationale Firmen Superprofite im Russlandgeschäft machten und Deutschland Putin mit Devisen versorgte, die russischen Arbeiter noch tiefer in die Misere getrieben wurden und heute vielfach aus Not in den Krieg gegen die Ukraine ziehen. Als im November 2024 der Schriftsteller Marko Martin in einer Rede auf die deutsche Mitverantwortung hinwies, wurde er vom Bundespräsidenten Steinmeier, der als deutscher Außenminister noch die deutsch-russische Pipeline Nordstream 2 verteidigte, als die russischen Panzer bereits im Anmarsch auf Kiew waren, zornig angeschnauzt. Einer Debatte über die deutsche Mitverantwortung für Putins Aggression – so Martin – verweigerte sich das deutsche Staatsoberhaupt. Weitere Assoziationen drängen sich auf, wenn man die Nachrichtenmanipulation um den Pakt mit der heutigen hybriden Desinformation russisch gesteuerter Netzwerke vergleicht. Geschuldet ist das Lügengebäude dem Ursprungsmythos einer angeblich immer schon antifaschistischen Sowjetunion, an dem nicht gerüttelt werden darf.
Mit dem besonderen Blick auf die Rolle Stalins sei zum Schluss die Frage aufgeworfen, ob für einen der wohl größten und folgenreichsten politischen Fehler im 20. Jahrhundert nicht auch persönliche, in der Charakterstruktur von Demiurgen und Oligarchen angelegte Gründe anzuführen wären. Tatsächlich endete mit Hitlers Invasion zwar die offene und geheime Kooperation, und doch lassen nachgelassene Muster eine gewisse nostalgisch-makabre Hinwendung der beiden Diktatoren zueinander erahnen. Stalins Tochter Nadeschda Allilujewa berichtet in ihren Memoiren, wie der Vater den Pakt von 1939 als Meisterstück seiner enormen Hinterlist imaginiert und selbst nach dem Sieg über Hitlerdeutschland dessen Scheitern bereut habe – mit den Deutschen wäre er gemeinsam „unbesiegbar“ gewesen. Und Hitler habe noch am 17. September 1944 vertraulich gegenüber seinem Arzt Dr. Giesing von Stalin als dem einzigen Gegner seiner Statur gesprochen, dem er eine gewisse Hochachtung nicht verweigern könne.
Eine europäische Aufgabe
So plädiert dieser Essay am Schluss noch einmal für eine der historischen Wahrheit und nicht der politischen Opportunität verpflichtete gesamteuropäische Erinnerungspolitik, die heute als Folge der Renationalisierung der Erinnerungskulturen verloren zu gehen droht, ja bereits in einen neuen Krieg der Erinnerungskulturen umgeschlagen ist. Mit Blick auf den Pakt im 20. Jahrhundert und zugleich die deutsch-russische staatliche Verständigung im 21. Jahrhundert mit ihren zerstörerischen Folgen spielte und spielt die Ukraine eine zentrale Rolle als Nahtstelle des imperialistisch geprägten Weltsystems. Seinerzeit sollte ein neues Weltreich vom japanischen Pazifik bis zu den imaginierten Gestaden des italienischen „Mare nostrum“ und mit Unterstützung Francos bis zum Atlantik geschaffen werden. Spielt sich vor unseren Augen derzeit nicht eine neue geopolitische Verschiebung ab, dämmert nicht ein neuer Pakt herauf, diesmal ein Trump-Putin-Pakt? Noch weiß niemand, wie weit dies reichen wird. Ob es Politikern und Historikern gefällt oder nicht: Die Ukraine steht erneut im Zentrum des Weltgeschehens. Solange sie nicht frei und unabhängig ist, wird es in Europa keinen Frieden geben. Der ukrainischen Frage kann weder opportunistisch ausgewichen, noch kann sie unterschlagen oder, wie es Baberowski empfiehlt, als erledigt abgehakt werden. Die unrealistischen, vornehmlich nach innen gerichteten Beschwörungen eines von Putin auszulösenden “Dritten Weltkriegs“ lenken größtenteils von der eigentlichen Verantwortung für den Schutz der Ukraine ab. Sie zeigen auch, dass eine freie, unabhängige Ukraine nur gegen die neo-imperialen Vorstöße gesichert werden kann, die eine Folge des auf Konkurrenz basierenden warenproduzierenden Weltsystems des 21. Jahrhunderts sind, wie bereits vor fast 90 Jahren. Und zum Schluss noch eine besondere Aufgabe für die Historie und die Publizistik: Wäre es nicht angebracht, diejenigen historischen Akteure zu erinnern und zu würdigen, die sich seinerzeit im Exil und Widerstand, in Europa und der weltweiten Diaspora gegen den Pakt gestellt haben, sich für den Schutz der politischen und kulturellen Diversität, der Minderheiten und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen eingesetzt haben und, um den Zweiten Weltkrieg zu verhindern, den Pakt bekämpften? Die Träumer von einem neuen Europa sind schließlich zu Opfern des Pakts geworden. Sind nicht auch die Menschen im postsowjetischen Raum, die in den letzten Jahren für einen Traum von Europa auf die Straße gegangen sind – in der Ukraine, in Georgien und anderswo –, in Gefahr, von den neuen Pakten der Großmächte zermalmt zu werden?
Die Redaktion dankt dem Autor für die Möglichkeit der Zweitveröffentlichung.
Erstveröffentlichung: geschichte der gegenwart, 8. Juni 2025; https://geschichtedergegenwart.ch/20643-2/
Fotos und Grafiken:
Über die Fotos 2 bis 5: Hitlers Wehrmacht und Stalins Rote Armee führten nach Abschluss der Invasion und Aufteilung Polens am 22. September 1939 eine gemeinsame „Siegesparade“ in Brest-Litowsk durch. Auf der provisorischen Tribüne nahmen die Kommandeure der Okkupationstruppen Generalmajor Heinz Guderian und Brigadekommandeur Semjon Kriwoschein die Parade ab. Obgleich diese Parade durch Foto und Film gut dokumentiert ist, sind die Bilder besonders in der Linken wenig bekannt. Sie bringen den Geist des Hitler-Stalin-Pakts treffend zum Ausdruck. Deshalb haben wir ihre gemeinfreien Online-Quellen hier dargestellt. Zu finden sind sie unter commons.wikimedia.org/wiki/Category:Molotov-Ribbentrop_Pact#/media/
Foto 1: Der Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten der UdSSR Wjatscheslaw M. Molotow unterzeichnet den Grenz- und Freundschaftsvetrag zwischen Deutschland und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, der dem Hitler-Stalin-Pakt folgte. Bild: Michail Michailowitsch Kalaschnikow – Победа. Фотодокументы; https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Molotov-Ribbentrop_Pact#/media/File:D0%9C%D0%BE%D0%BB%D0%BE%D1%82%D0%BE%D0%B2_%D0%BF%D0%BE%D0%B4%D0%BF%D0%B8%D1%81%D1%8B%D0%B2%D0%B0%D0%B5%D1%82_%D0%B4%D0%BE%D0%B3%D0%BE%D0%B2%D0%BE%D1%80_%D0%BE_%D0%B4%D1%80%D1%83%D0%B6%D0%B1%D0%B5_%D0%B8_%D0%B3%D1%80%D0%B0%D0%BD%D0%B8%D1%86%D0%B5_%D1%81_%D0%93%D0%B5%D1%80%D0%BC%D0%B0%D0%BD%D0%B8%D0%B5%D0%B9_(cropped).jpg
Foto 2: Abnahme der gemeinsamen „Siegesparade“ durch General Heinz Guderian und Brigadekommandeur Semjaon Kriwoschein; unbekannter Autor; https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:German_and_Soviet_parade_in_1939#/media/File:Biera%C5%9Bcie,_Bulvarny,_Vajavodzki._%D0%91%D0%B5%D1%80%D0%B0%D1%81%D1%8C%D1%86%D0%B5,_%D0%91%D1%83%D0%BB%D1%8C%D0%B2%D0%B0%D1%80%D0%BD%D1%8B,_%D0%92%D0%B0%D1%8F%D0%B2%D0%BE%D0%B4%D0%B7%D0%BA%D1%96_(22.09.1939).jpg –
Foto 3: Fotomontage aus:
a) Begrüßungstor mit Hakenkreuz und Sowjetstern; https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:German_and_Soviet_parade_in_1939#/media/File:Biera%C5%9Bcie._%D0%91%D0%B5%D1%80%D0%B0%D1%81%D1%8C%D1%86%D0%B5_(22.09.1939).jpg – Unknown author
b) Plauderei zwischen General Heinz Guderian und Brigadekommandeur Semjon Kriwoschein während der gemeinsamen „Siegesparade“
Foto 4: Gespräch zwischen Ofizieren beider Armeen unter Stalin-Portrait; Bild 101I-121-0011-20 / CC-BY-SA 3.0; https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:German_and_Soviet_parade_in_1939#/media/File: Bundesarchiv_Bild_101I-121-0011-20,_Polen,_deutsch-sowjetische_Siegesparade.jpg
Foto 5: Gemeinsames Spalier der Truppen; Bundesarchiv, Bild 101I-121-0012-15 / CC-BY-SA 3.0; https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:German_and_Soviet_parade_in_1939#/media/File:Bundesarchiv_Bild_101I-121-0012-15,_Polen,_deutsch-sowjetische_Siegesparade.jpg;
Foto 6: Trump+Putin in Alaska: Photo by Benjamin Applebaum/Wikimedia Commons
Grafik 1: Die vierte Teilung Polens; Poeticbent (dyskusja · edycje) redesigned from File:Wrzesien.gif uploaded to Commons by Piotrus (dyskusja · edycje) under GNU Free
Grafik 2: 1939 – 1940 erfolgte deutsch-sowjetisch Aufteilung Osteuropas entsprechend dem Hitler-Stalin-Pakt; https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Molotov-Ribbentrop_Pact#/media/File:1939-40_territ.changes_in_EasternEurope.png, derivative work since Peter Hanula’s file: Ribbentrop-Mlotov.svg.