
In jedem Jahr dokumentiert das gewerkschaftsnahe Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI), welchen Umfang und welchen Charakter Arbeitskämpfe hatten. Unter „Arbeitskämpfen“ werden verschiedene Arten von Streiks verstanden, welche nach deutschem Gewerkschaftsverständnis ausschließlich im Rahmen von Tarifrunden stattzufinden haben. So sind solche Dokumente vor allem ein Indikator dafür, wie gut Gewerkschaften in den tariflichen Auseinandersetzungen ihre Forderungen durchsetzen können, aber auch, wie unterschiedlich konfliktbereit sich die einzelnen Gewerkschaften im abgelaufenen Jahr gezeigt haben. Tarifauseinandersetzungen mit unbefristeten Arbeitskämpfen und Flächenstreiks sind im Jahr 2025 vielen kleineren Auseinandersetzungen und zahlreichen „Häuserkämpfen“ gewichen. Es häuften sich, nicht zuletzt als Folge des weiteren Rückzugs von Unternehmen aus der Tarifbindung, Streiks, die die Einhaltung bestehender oder die Durchsetzung tariflicher Regelungen überhaupt forderten. Da drängt sich die Frage auf, wie lange Gewerkschaften ihre Durchsetzungskraft allein auf tarifliche Arbeitskämpfe konzentrieren können, wenn Unternehmen die sogenannte Sozialpartnerschaft längst aufgekündigt haben? Die Automobilindustrie zeigt das Ende des Erfolgs einer solchen Gewerkschaftspolitik längst an; es verwundert nicht, dass hier unter Beschäftigten der Ruf nach einem Generalstreik laut wird.
Wir denken, die Gewerkschaften stehen vor der Entscheidung, ihredie jahrzehntelang geübte Beschränkung ihrer „Streikpolitik“ auf Tarifpolitik zu überdenken, die gewerkschaftliche Arbeitskampfbilanz 2025 scheint uns ein geeigneter Anlass zu sein.
Der Autor des folgenden Artikels ist Mitglied der Redaktion des express. Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit. Sein Artikel gibt eine gute Zusammenfassung der Studie des WSI zu den Streiks in Deutschland im Jahr 2025.
Er bezieht sich in seinen Quellen- und Seitenangaben auf: Thilo Janssen, Heiner Dribbusch: WSI-Arbeitskampfbilanz 2025. Ohne Streiks geht es nicht, WSI-Report Nr. 114, Düsseldorf, Juli 2026, S. 16; online: https://www.wsi.de.
Wir danken der Redaktion des express für die Möglichkeit der Übernahme dieses Beitrags.
Redaktion Blog Emanzipation & Geschichte
***
Auch wenn das Jahr 2025 mit 261 vom WSI dokumentierten Arbeitskämpfen nicht ganz so
konfliktintensiv wie die Jahre 2023 und 2024 ausgefallen ist, zeichnet sich weiterhin ein positiver Trend bei der Anzahl von Arbeitskämpfen ab: Während der Mittelwert der Jahre 2006 bis 2015 bei 182 Streiks lag, lag er in den vergangenen zehn Jahren schon bei 229 – und im Einzeljahr 2025 nochmals deutlich darüber.
Beendet wurde das Jahr 2025 von den Warnstreiks in der Tarifrunde im öffentlichen
Dienst der Länder, welche auch das Streikjahr 2026 eröffneten (siehe express 2-3/2026, S. 4).
Zwischenzeitlich zeigten sich auch die Arbeitgeber im Handel von ihrer schlechtesten Seite
(siehe 6/2026, S. 9), und im Herbst 2026 stehen die Tarifrunden in der Metall- und
Elektroindustrie an. Insgesamt werden im laufenden Jahr die Tarifverträge für etwa zehn Mio.
Beschäftigte neu verhandelt – deutlich mehr als die rund 6,3 Mio. im Jahr 2025. Es kann also
durchaus sein, dass die Anzahl der Streikteilnehmer:innen und Ausfalltage wieder zunimmt.
Wie intensiv die Arbeitskämpfe geführt werden, hängt nach Ansicht der Studienautoren Thilo
Janssen und Heiner Dribbusch jedoch auch von der »derzeit kaum zu prognostizieren politischen und wirtschaftlichen internationalen Entwicklung« (S.16) ab.
Die unterschiedlichen Bedingungen in den einzelnen Branchen – im Bau- und produzierenden Gewerbe schwierige Auftragslagen und Stellenabbau, in vielen Dienstleistungsbereichen (insbesondere Gesundheit und Soziales sowie öffentliche Verwaltung) hingegen Arbeitskräftemangel und Stellenaufbau – führten auch zu unterschiedlichen Strategien: Während Arbeitskämpfe in ersterem Bereich eher defensiv angelegt waren, erlaubte die Situation in
weiteren Bereichen auch den erfolgreichen Einsatz offensiverer Vorgehensweisen. Sowohl die ausgefallenen Arbeitstage (645.000) als auch die Anzahl der Streikenden (552.000) waren 2025 im Vergleich zum Vorjahr rückläufig – was allerdings auch daran liegt, dass es 2025 keine (Flächen-)Streiks in der 3,7 Mio. Beschäftigte starken Metall- und Elektroindustrie gab. Insbesondere die Zahl der ausgefallenen Arbeitstage deutet den Forschern des WSI zufolge darauf hin, dass einzelne und zeitlich begrenzte Streiks überwiegen, während unbefristete Arbeitsniederlegungen »seltene Ausnahmen« (S. 1) geworden sind. So gab es 2025 auch nur sieben Erzwingungsstreiks, was etwa 0,3 Prozent der erfassten Arbeitskämpfe ausmacht, die bis auf einen allerdings alle zu einem Tarifabschluss führten.
Damit zusammenhängend setzt sich auch der Trend zu sogenannten Häuserkämpfen auf
Haus-, Firmen- und Konzernebene fort: Diese sind für die Gewerkschaften zwar erheblich
ressourcenintensiver als Flächentarifverhandlungen, jedoch eine notwendige Antwort auf den
Rückzug vieler Arbeitgeber aus der Fläche – und immer wieder auch ein Mittel, um Unternehmen (wieder) in die Tarifbindung zu bringen.
Nichtsdestotrotz befindet sich die Tarifbindung von Unternehmen und Beschäftigten »auf
einem historischen Tiefstand« (S. 3), so die Autoren der WSI-Arbeitskampfbilanz. Hier wäre
die Bundesregierung nicht nur gefragt, politische Rückendeckung für höhere Tarifbindung zu
leisten, sondern nach EU-Recht auch dazu verpflichtet. Während das Bundestariftreuegesetz
zwar ein positiver, wenn auch unzureichender Schritt in diese Richtung ist, drängen jedoch »Teile der Arbeitgeber und einiger politischer Parteien erneut auf eine Einschränkung des bereits heute vergleichsweise restriktiven Streikrechts in Deutschland« (S. 3).
Es geht um‘s Geld – und darum, überhaupt einen Tarifvertrag zu haben
Für die Arbeitskampfbilanz 2025 hat das WSI erstmals eine systematische Auswertung der
Arbeitskampfziele vorgenommen: In fast der Hälfte der vom WSI erfassten Arbeitskämpfe
(126 von 261) ging es ausschließlich um entgeltbezogene Regelungen – etwa tabellenwirksame Lohnerhöhungen, Sonderzahlungen oder Schichtzuschläge. Bereits an zweiter Stelle folgen jedoch Arbeitskämpfe »in Unternehmen bzw. Branchen […], in denen es zum Zeitpunkt des Arbeitskampfes keinen anwendbaren Tarifvertrag gab« (S. 7). Diese machten mehr als ein Viertel (69) aller dokumentierten Arbeitskämpfe aus – in der Mehrzahl (45) bestand das Ziel im Abschluss von Haustarifverträgen; in einigen Fällen (24) jedoch auch darin, entweder ein Unternehmen in einen bestehenden Flächentarifvertrag zu bringen oder einen solchen erstmalig abzuschließen.
Ansonsten ging es in einigen Arbeitskämpfen um Konstellationen von Entgelt- und Arbeitszeitregelungen (38) sowie die Durchsetzung tarifvertraglicher Regelungen in Umstrukturierungsprozessen (20), also Vereinbarungen über Beschäftigungssicherung, Abfindungen
oder Transfergesellschaften. Dass von diesen die überwiegende Mehrheit (14) im Organisationsbereich der IG Metall stattfand, spiegelt dabei nicht zuletzt »die schwierige Lage in einigen Industriebranchen« (S. 7). Ein Arbeitskampf hatte allein die Arbeitszeit zum Thema, ein
weiterer wurde um einen Entlastungstarifvertrag geführt.
Die Streikmeister: ver.di und NGG

Insgesamt fanden – im Gegensatz zum Vorjahr – 2025 etwas mehr Arbeitskämpfe in der Industrie (134) als im Dienstleistungsbereich (127) statt. In absoluten Zahlen und aufgeschlüsselt nach Einzelgewerkschaften ist jedoch auch 2025 – ebenso wie im Vorjahr – wieder ver.di die streikstärkste Gewerkschaft gewesen: Von den 261 insgesamt erfassten Arbeitskämpfen entfielen 107 auf den besonders breiten ver.di-Organisationsbereich – die Mehrheit davon im Rahmen von »Häuserkämpfen«, unter anderem bei der Deutschen Post AG. Außerordentlich konfliktreich war die Auseinandersetzung mit der Charité Facility Management GmbH, in welche das Berliner Charité-Klinikum Tätigkeiten außerhalb von Medizin und Pflege ausgelagert hatte. Hier hatten die Beschäftigten bereits 2019 einen Haustarifvertrag durchgesetzt – als die Neuverhandlungen 2025 ins Stocken gerieten, traten die Beschäftigten im April in den unbefristeten Streik. Dieser wurde Ende Mai für weitere Verhandlungen ausgesetzt, in denen es schließlich zu einer Einigung kam (siehe express 7/2025, S. 4). 42 von ver.di geführte Konflikte fanden im Rahmen von Flächentarifverhandlungen statt, unter anderem im Nahverkehr (TV-N), in der Druckindustrie und – zusammen mit GEW, GdP und IG BAU – im öffentlichen Dienst des Bundes und der Kommunen (TVöD).
Im Verhältnis zu den Mitgliederzahlen führte – ebenfalls wie im Vorjahr – die NGG die
meisten Arbeitskämpfe: Während die kleine Gewerkschaft nur 3,3 Prozent der im DGB organisierten Gewerkschaftsmitglieder vertritt, war sie 2025 für fast jede fünfte (!) Arbeitsniederlegung verantwortlich – insgesamt 55. 19 der Auseinandersetzungen fanden in der Fläche statt, unter anderem gegen den Bundesverband der Systemgastronomie, in welchem sich Mc-Donald’s, Burger King, Starbucks, PizzaHut, Autogrill und Nordsee organisieren. Dieser
Konflikt lief bereits seit Juli 2024, im März 2025 endete er mit einer Schlichtung – und aus Sicht der NGG durchaus erfolgreich: »Die Löhne der rund 120.000 Beschäftigten steigen je
nach Gehaltsgruppe zwischen 9,8 und 18,73 Prozent, außerdem gibt es eine Abstandsregelung zum Mindestlohn« (S. 14). Breit diskutiert (siehe dazu unter anderem express 9-10/2025, S.
10) wurde der Streik beim Dönerfleischproduzenten Meat World (Birtat): Hier gelang es mit mehreren Warnstreiks und einem Erzwingungsstreik, den branchenweit ersten Tarifvertrag
durchzusetzen!
Im Organisationsbereich der IG Metall gab es 66 Arbeitskämpfe. Weil die Leitbranche Metall- und Elektroindustrie erst im laufenden Jahr wieder dran ist, fand im Jahr 2025 nur
jede sechste Arbeitsniederlegung in der Fläche statt – unter anderem im Kfz-Handwerk, wo es nach zwei Verhandlungsrunden ohne Angebot der Arbeitgeber und darauf folgenden bundesweiten Warnstreiks dann schließlich doch zum erfolgreichen Abschluss kam. In der Textil- und Bekleidungsindustrie hat es bis zum Abschluss sogar vier Verhandlungsrunden gebraucht. Beim Gabelstapler-Hersteller Jungheinrich fand auch der längste unbefristete Streik des Jahres 2025 statt – hier legten die Beschäftigten nach Standortschließung für 85 Tage die Arbeit nieder, um schließlich erfolgreich einen Sozialtarifvertrag zu erkämpfen. Insgesamt kam es in den von der IG Metall organisierten Branchen und Betrieben jedoch nur in acht Fällen zu Streiks an mehreren Tagen, die meisten Arbeitsniederlegungen fanden als Warnstreiks an einem einzigen Tag – oder auch nur über ein paar Stunden – statt.
Die IG BCE rief 2025 in 14 Auseinandersetzungen zum Streik auf und fährt damit »weiterhin einen konfliktorientierteren Kurs als in der Vergangenheit« (S. 8). Ihr einziger Arbeitskampf in der Fläche fand in der ostdeutschen Energiewirtschaft statt, teilweise zusammen mit ver.di. Im Organisationsbereich der IG BAU gab es sieben Arbeitsniederlegungen, die GEW führte zwei eigenständige Arbeitskämpfe durch – einer davon um den »TV Gesundheitsschutz« in Berlin – und beteiligte sich zusammen mit GdP, IG BAU und ver.di an den Streiks im öffentlichen Dienst. Die EVG schließlich hat 2025 schon das zweite Jahr in Folge gar nicht gestreikt – ebenso wie ihre Konkurrenzgewerkschaft GdL. Außerhalb der DGB-Gewerkschaften führte der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) vier Arbeitskämpfe durch, der Marburger Bund drei, der dbb zwei und die Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA) 2025 einen

Internationaler Vergleich: Deutschland weiterhin im Mittelfeld
In der internationalen Streikstatistik, bei der die arbeitskampfbedingten Ausfalltage pro 1.000 Beschäftigte miteinander verglichen werden, liegt Deutschland weiterhin im Mittelfeld, so die
Schätzung des WSI. Hierzulande fielen in den zehn Jahren zwischen 2015 und 2025, dem jüngsten Jahr, für das die nötigen internationalen Vergleichsdaten vorliegen, aufgrund von Arbeitskampfmaßnahmen im Jahresdurchschnitt rechnerisch pro 1.000 Beschäftigte rund 22 Arbeitstage aus.
Im Ländervergleich variiert das relative Arbeitskampfvolumen sehr stark. Dabei lässt sich
deutlich eine Spitzengruppe ausmachen. Das höchste Arbeitskampfvolumen haben Finnland und Frankreich (allein im Privatsektor), wo zwischen 2015 und 2024 im Jahresdurchschnitt 100 Ausfalltage pro 1.000 Beschäftigte zu verzeichnen waren. Es folgen Kanada (93 Tage) und an vierter Stelle Belgien (92). Nach diesem aus den letzten Jahren bekannten Quartett folgt Zypern, welches aufgrund der von großen Arbeitskämpfen geprägten Jahre 2019 und 2023 im aktuellen Dekadenvergleich auf 67 Ausfalltage kommt.
Daran schließt sich ein oberes Mittelfeld an, das Spanien, Großbritannien, Norwegen, die
USA, Deutschland und die Niederlande umfasst. Hier fielen im Vergleichszeitraum pro 1.000
Beschäftigte durchschnittlich zwischen 40 und 21 Arbeitstage pro Jahr aus, wobei in der spanischen Streikstatistik die Generalstreiks nicht berücksichtigt sind. Das untere Mittelfeld wird aktuell von Polen (16 Tage) angeführt und umfasst des Weiteren Dänemark (14 Tage), Irland (13 Tage) und Portugal (11 Tage, ohne öffentliche Verwaltung). Am Ende der Statistik stehen mit sechs Ausfalltagen Ungarn, mit vier Tagen Österreich, die Schweiz und Schweden mit jeweils zwei Ausfalltagen sowie die Slowakei ohne einen einzigen Ausfalltag.
Vor allem in den Jahren 2023 und 2024 hat das Streikvolumen im europäischen Mittel
deutlich zugenommen – dies ist für die Autoren »großenteils auf die härteren Verteilungskonflikte vor dem Hintergrund der Inflationskrise zurückzuführen« (S. 16), in denen die Gewerkschaften versucht haben, mit Tarifabschlüssen die Kaufkraftverluste auszugleichen. Im langfristigen Vergleich sei die Streikentwicklung jedoch weiterhin rückläufig.
Quelle: express Nr. 7-8/2026, S. 9-10
express im Netz und Bezug unter: www.express-afp.info
Email: express-afp@online.de