DDR-Frauen in der Wendezeit 1989/90

8. März 2026: Blick zurück in einen Aufbruch

„Eigentlich bin ich stolz darauf, dass ich das überhaupt so gepackt habe, dass ich diesen Übergang so geschafft habe so emotional, wie ich eigentlich gebunden war an die ehemalige DDRund an die Sicherheit, die ich da hatte (lacht). Dass ich meine Kinder über die Runden kriege, und alles in die Reihe kriege. Ich bin eigentlich sehr stolz drauf, dass ich das geschafft habe mit den beiden Kindern, dass ichs noch mal geschafft habe, mir nochmal Neues anzueignen, auch damit umzugehn, und da immer noch Reserven habe in der Durchsetzung. (…) Ja doch, dass ich den Übergang geschafft habe, von einer Gesellschafft in die andere. (…) Ich weiß auch nicht. Ich bin eigentlich ein sehr zurückhaltender Mensch und habe bisher auch immer dazu geneigt, mich zurückzuziehen. Und diese Wendezeit war aber ne andere Zeit irgendwie. Sie hat dazu geführt, dass ich bestimmte Sachen gemacht habe, die ich sonst nie gemacht hätte, dass ich auf Leute zugegangen bin, auf die ich sonst nie draufzugegangen wäre, mich Sachen getraut habe, die ich mich sonst nie getraut hätte. Auch aus dem Gefühl heraus, aus dieser Aufbruchzeit heraus, dass eben plötzlich alles ganz anders ist. Ich will nicht diesen Begriff Freiheit oder irgendwie verwenden, weil … Aber es war uirgendwo, es ist auch heute noch manchmal so, ein ganz anderes Gefühl, ein ganz anderes Lebensgefühl … Das hat mir eigentlich Hemmungen genommen, irgendwo hinzugehen und auf andere Leute zuzugehen und mich irgendwas zu trauen. Und auch mal aufzumucken. Das, denke ich mir, wäre sonst so nicht gewesen. Aber nun gehts darum, dass es nun auch so bleibt, dass man sich von den jetzigen Zwängen nicht wieder … Verstehn Sie, das ist das Problem.“ (Interview mit Frau D., Gewerkschaft HBV)*

An den „unangemeldeten“ Demonstrationen im Oktober 1989 beteiligten sich gleichermaßen mutige Frauen und Männer. Frauen gingen jedoch nicht auf die Straße, um Frauenrechte zu erstreiten, sondern als Bürgerinnen eines „geschlossenen Landes“, in dem man wie frau keine Perspektive mehr für sich sah. Gab es denn keine Gründe, besondere Frauenrechte einzuklagen? Tatsächlich war die Gleichstellung in der DDR verfassungs- und privatrechtlich festgeschrieben, die Frauenerwerbsquote lag Ende der 1980er Jahre bei 90 Prozent. Das Leitbild der „Hausfrau“ und „Mutter“, das im Westen immer noch einen hohen Stellenwert hatte, war in der DDR längst dem der arbeitenden Frau gewichen, die „ihren Mann“ steht und ungeachtet aller Schwierigkeiten, Arbeit und Familie „unter einen Hut“ bringt. „Vater Staat“ unterstützte die DDR-Frauen dabei mit zahlreichen sozialen Zuwendungen. Die reale Ungleichbehandlung, die sich nicht nur in der fehlenden Präsenz von Frauen in Politik und Wirtschaft zeigte, verschwand hinter einem für Mann wie Frau vergleichbar organisierten Arbeitsleben und zu bewältigenden Alltag, der von Mangel und Improvisation bestimmt wurde. Das Geschlechterverhältnis als Herrschaftsverhältnis war damit in der DDR nicht aufgehoben, das „Patriarchat im Privaten“ verlor jedoch seine Dominanz. An seine Stelle trat ein „Patriarchalismus in Form des paternalistischen Staates“ (Eva Sänger, Begrenzte Teilhabe. Ostdeutsche Frauenbewegung und Zentraler Runder Tisch in der DDR, Frankfurt/New York 2005).

Das aber ist die Crux: Kein einziges Recht haben DDR-Frauen selber erstritten, alles kam als „Geschenk“ von „Oben“. Zudem fehlten staats- und parteiunabhängige Frauenorganisationen und ein Raum für Gegen-Öffentlichkeit, wo DDR-Frauen sich hätten verständigen können. Unter diesen Bedingungen konnte keine autonome Frauenbewegung entstehen. Dennoch gab es eine aktive Minderheit von DDR-Frauen, die im halböffentlichen Raum der Kirche bereits in den 1980er Jahren in informellen Frauen- und Lesbengruppen arbeiteten. Sie gehörten zum Kern des Aufbruchs 1989, der mit der Gründung des „Unabhängigen Frauenverbandes“ (UFV) die verschiedenen Anliegen bündeln und eine autonome Frauenbewegung begründen sollte. Die Verabschiedung einer Sozialcharta durch den UFV gehörte zu den wichtigsten Ereignissen der Wendezeit 1989/1990 in der DDR. Zu einer Massenbewegung von DDR-Frauen oder einem gesamtdeutschen Aufschwung führte es nicht.

Für die meisten DDR-Frauen waren die 1990er Jahre eine Zeit, in der sie unter schwierigsten Bedingungen, ihr eigenes und das Leben ihrer Familie zu organisieren hatten. Zu DDR-Zeiten konnten Frauen ein Gutteil ihres Selbstbewußtseins daraus schöpfen, trotz widriger Umstände alles „gemeistert“ zu haben, was vielen ostdeutschen Frauen nun zum Vorteil gereichte. Einige DDR-Frauen nahmen die erstmalige Chance wahr, sich aktiv an der Entstehung einer Zivilgesellschaft, von Runden Tischen, Parteien oder Gewerkschaften zu engagieren. Frauen aus der DDR besetzten sogar kurzzeitig, bis sich alles wieder „normalisierte“, Plätze in der Hierarchie, die bislang Männern vorbehalten waren. So viele weibliche Betriebsratsvorsitzende wie 1990 hatte die Bundesrepublik noch nicht gesehen (vgl. Renate Hürtgen, FrauenWende WendeFrauen, Münster 1996). Es waren vor allem soziale Probleme, für die sich diese aktiven Frauen zuständig fühlten; nur wenige fanden den Anschluss an die feministische Frauenbewegung. Die im Vergleich zum Westen homogenere Gruppe der DDR Frauen differenzierte sich mit der Wende 1989/90 aus. Das verbreitete Klischee von „der Ostfrau“ ignoriert diese neue Realität der Gruppe der Frauen im Osten Deutschlands.

Quelle: Renate Hürtgen: DDR-Frauen in der Wendezeit 1989/90. Der Text entstand im Rahmen des Walter-Markov-Kolloquiums 2021 der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen. 
* Vgl. Renate Hürtgen: FrauenWende Wendefrauen. Frauen in den ersten betrieblichen Interessenvertretungen der neuen Bundesländer, Westfälisches Dampfboot 1997, S. 170.
Grafik: Frauen sind mutig stark schön, Unabhängiger Frauenverband in der der DDR, 1990; https://www.worldliteraturetoday.org/2016/march/casting-shadows-anke-feuchtenbergers-comics-and-graphic-narration-elizabeth-nijdam
Foto: Auch wir sind das Volk!; , https://sonderausstellung.stadtmuseum-brandenburg.de/uebersicht/wende-1989.html