
Unser Freund, Kollege und Genosse Norbert Kollenda ist tot. Er verstarb am 21. Juni 2026 nach einer Operation. Er gehörte zu den wenigen deutschen Linken, die sich Jahrzehnte lang systematisch und mit Verve für eine enge Zusammenarbeit zwischen deutschen und polnischen Linken engagierten. Durch dieses Engagement haben wir Norbert kennen und schätzen gelernt und mit ihm als AK Geschichte sozialer Bewegungen Ost-West seit vielen Jahren zusammengearbeitet.
Geboren wurde er am 30. Dezember, im Kriegsjahr 1941 in einer katholischen Familie im oberschlesischen Gleiwitz, der Stadt, die in die Geschichtsbücher einging, weil sie der Ort der inszenierten Provokation war, die Hitler-Deutschland 1939 den Vorwand für den Überfall auf Polen lieferte. Nach 1945 erlitt Norbert das Schicksal jener deutschen Familien in Schlesien, die als Arbeitskräfte vom polnischen Staat gebraucht wurden, um Oberschlesiens Industrie am Laufen zu halten. Sie wurden deshalb nicht aus Schlesien vertrieben, sondern sollten gewaltsam polonisiert werden. So machte Norbert als Kind die Erfahrung von ethnischer Diskriminierung, die als Rache an Deutschen eine polnische Antwort auf die faschistischen Verbrechen während der deutschen Besetzung Polens war. Deutsch durfte nicht gesprochen werden und nicht nur polnische Kinder, auch die Schullehrer schurigelten die deutschen Kinder. Die Familie konnte erst 1954 nach Deutschland, in die DDR ausreisen.
Obwohl er sich als Jugendlicher vorgenommen hatte, nach der Ausreise aus Polen nie wieder Polnisch zu sprechen, wurden Polen und Polnisch zum wesentlichen Bestandteil von Norberts Identität und seines künftigen Handelns. Denn sein Onkel hatte dem Jugendlichen nahegebracht, welche Verbrechen die Deutschen in Polen begangen hatten. So wurde aus Norbert ein Schlesier, der das Gegenteil der konservativen Funktionäre der schlesischen Landsmannschaft mit ihren revisionistischen Parolen war.
Nach der Ausreise aus Polen landete die Familie in Ostberlin, wo sich Norbert nach Beendigung der Schule zum Krankenpfleger ausbilden ließ; anschließend arbeitete er im katholischen Hedwigs Krankenhaus in Berlin-Mitte. Sein Traum, den er als junger Mann hatte, in der „Dritten Welt“ medizinische (Entwicklungs-)Hilfe zu leisten und so am Bau einer gerechten Welt mitzuwirken, war allerdings nur von Westberlin aus möglich. Doch der Mauerbau 1961 kam dazwischen und diese Möglichkeit war damit für ihn gestorben. Im Laufe der 1960er Jahre erlernte er noch einen zweiten Beruf, er wurde Arbeitshygieniker.
Norbert Kollenda hatte schon vor dem Mauerbau Kontakt zur Jeunesse Ouvriere Chretienne (JOC) gefunden, der, von dem damals jungen Arbeiterpriester Joseph Kardijn in den 1920er Jahren gegründeten internationalen katholischen Arbeiterjugendbewegung. Die JOC nahm und nimmt an vielen wichtigen Kämpfen der Arbeiterinnen und Arbeiter, aber auch der Unterstützung solidarischer Projekte im globalen Süden, teil. Aus ihren Reihen gingen wichtige Persönlichkeiten von „Arbeiterpriestern“ in verschiedenen Ländern hervor. Ihre Ideen trugen wesentlich zur Entstehung der Befreiungstheologie in Lateinamerika bei.
Ihr Ziel war und ist es, nicht nur Arbeiterinnen und Arbeiter für den egalitären Geist des Christentums zu gewinnen, sondern zugleich auch, in diesem Geist die Katholische Kirche zur Unterstützerin der Selbstorganisation der Arbeiterinnen und Arbeiter für deren ureigene Interessen zu machen.
Im französischen Sektor von Berlin nahm Norbert noch vor dem Mauerbau an Treffen und Schulungen teil, bei denen französische Priester im Gefolge der französischen Besatzungsmacht die Ideen der JOC nach Deutschland trugen. An diesen regelmäßigen Treffen nahmen Jugendliche aus vielen Orten der DDR teil. So bekam Norbert auch Kenntnis vom Wirken der von JOCisten gegründeten Christlichen Arbeiterjugend Deutschlands (CAJ), deren Tätigkeit zunächst auf Westdeutschland und Westberlin beschränkt geblieben war.
Auch in der DDR entstanden CAJ-Gruppen in verschiedenen Orten und Regionen, wann genau, ist bis heute nicht erforscht. In der DDR nannten sie sich jedoch Junge Christliche Werktätige (JCW). Allen möglichen staatlichen Vorwürfen, sie seien Ableger einer westdeutschen „Feindorganisation“ und kein eigenständiges DDR-Gewächs, sollte damit der Wind aus den Segeln genommen werden. Nach dem Mauerbau wurde dieser Aspekt immer wichtiger.
Die Ideen der JOC inspirierten und motivierten Norbert, sich seit 1964 in der DDR aktiv in die Tätigkeit der Christlichen Jungen Werktätigen einzubringen, wodurch er etwas später zum Mitglied des DDR-weiten Koordinierungsgremiums aller JCW-Gruppen, dem Zentralausschuss (ZA), wurde. 1969 beauftragte ihn der ZA, die DDR-weite Koordinierung dieser Laienorganisation zu übernehmen. 1970 wurde er, selbst Laie und nicht Priester, vom Leipziger Oratorium des hl. Philipp Neri, einer anerkannten alten Kongregation der Katholischen Kirche, die ihre Tätigkeit den Bedürftigen, Kranken und Armen widmet, für die Arbeit mit den Jungen Christlichen Werktätigen freigestellt, also hauptamtlich bezahlt. Mitte der 1970er Jahre bestätigte auch die Berliner Bischofskonferenz, die von 1976 bis 1990 existierende Versammlung der katholischen Bischöfe in der DDR, seine Arbeitsstelle und damit die Arbeit mit den Jungen Christlichen Werktätigen offiziell.

Das war nicht nur für die Anerkennung und Unterstützung innerhalb der Katholischen Kirche bedeutsam, sondern auch für die Absicherung gegenüber der Staatssicherheit, die jede selbstständige, zumal kollektive Aktivität von unten verhindern wollte, um den monopolistischen Anspruch der SED als einzig wahre Interessenvertretung von „Jugendlichen“ und „Arbeiter:innen“ nicht infrage stellen zu lassen.
Um seine Aufgaben im Sinne der JOC gerecht werden zu können, zog Norbert nach Leipzig, wo er im Gebäude des Leipziger Oratoriums sein Büro hatte. Norbert wurde erster und einziger hauptamtlicher Koordinator der Jungen Christlichen Werktätigen, er blieb jedoch weiterhin eng im Zentralausschuss verankert.
Doch Bedrohungen gab es nicht nur durch den Staat, sondern auch von Seiten des Klerus, dem selbstbestimmte Aktivitäten der christlichen Basis, der Laien, nicht ins autoritäre Konzept einer katholischen Hierarchie passte. Insbesondere dem konservativen Berliner Bischof, Alfred Kardinal Bengsch, der das Überleben des ohnehin marginalen Katholizismus in der DDR durch Verzicht auf jegliche Außenaktivität der Katholischen Kirche sichern wollte, gingen die Aktivitäten der CJW zu weit. Ein Vorwurf des Bischofs und anderer konservativer Priester lautete, dass die CJW nicht oder zu wenig missionieren würde, das gebotene Apostolat nicht ernst nähmen.
Trotz aller Hindernisse war es Norbert gelungen in mehreren Städten der DDR neue Gruppen der JCW zu gründen, regelmäßige Treffen sowie Sommercamps zu organisieren, wo die Jugendlichen nicht nur über Bibeltexte, sondern auch über ihre Alltagsprobleme und gesellschaftliche Entwicklungen von Gerechtigkeit und Armut auf der Welt diskutieren konnten.
Sein kritisches Engagement auch gegenüber autoritären Methoden des Klerus brachte Norbert mit anderen kritischen Geistern in der Katholischen Kirche in Kontakt, die auf ein gesellschaftliches Engagement drängten und die traditionellen und autoritären Werte des Klerus ablehnten. So fand er auch den Weg in die Reihen des von Theologen und Laien gegründeten Kirchen oppositionellen Aktionskreis Halle (AKH).
Eine wichtige Aufgabe wurde Norbert von der Internationalen JOC angetragen: Er sollte, Polnisch sprechend, versuchen, in anderen Ländern des Ostblocks JOC-Gruppen zu initiieren. Doch bis auf Polen, wo die Katholische Kirche eine besondere Stellung innerhalb der Gesellschaft hatte, gelang dies aufgrund der Repression der Diktaturen nirgendwo. Aber auch die JOC-Gruppen in Polen wurde vom erzkonservativen Klerus nie offiziell als Teil der Katholischen Kirche anerkannt und somit dem Repressionsdruck der polnischen Staatssicherheit ohne kirchlichen Schutz ausgeliefert, dem sie nach einiger Zeit erlagen.
Auch in der DDR besiegelte dieser doppelte Druck von Seiten des Klerus einerseits und des Staates andererseits schließlich das Schicksal der Jungen Christlichen Werktätigen. Nachdem der in der römischen Kurie für die Arbeit mit Laien zuständige Kardinal Uylenbroeck gestorben war, der die JOC-Aktivitäten gefördert hatte, sah die konservative Mehrheit der Bischöfe in der DDR die Chance zur Unterbindung der Aktivitäten der JCW durch den Entzug der offiziellen Anerkennung der Arbeit mit ihnen. Im Juni 1980, anscheinend zum Jahresende, schloss die Berliner Bischofskonferenz „Die Arbeitsstelle für die Arbeit mit Christlichen Jungen Werktätigen“. Norberts hauptamtliche Tätigkeit für die Katholische Kirche war damit beendet. Der Versuch von jungen JCW-Angehörigen, die Koordination ehrenamtlich weiterzuführen, scheiterte.
Norbert suchte nun eine Beschäftigung in seinem zweiten Beruf als Arbeitshygieniker zu finden. Doch nach seiner Anstellung bei der Katholischen Kirche war dies in einem normalen DDR-VEB nur schwer zu bekommen. 1981 gelang es ihm dennoch, er wurde sogar Hygieneinspektor in einem VEB. Doch als die Stasi „an seine Tür klopfte“, konnte er weitere Anwerbungsversuche zwar abwehren, indem er sie öffentlich machte. Als Hygieneinspektor befürchtete er allerdings eine berufliche Erpressbarkeit, besonders, weil er am Beginn der 1980er Jahre eine Familie gründete. Aus diesem Grund zog er wieder nach Berlin und wechselte in seinen ersten Beruf als Krankenpfleger. Er suchte sich einen Bereich aus, in dem ein staatlicher Druck kaum zu befürchten und somit die Existenz der Familie gesichert war: Die Psychiatrie, der schwierigste Bereich für einen Krankenpfleger. Diese Tätigkeit übte er bis zur Rente aus.
Die Nase voll von den innerkirchlichen Intrigen und Ausbremsungen seiner Aktivitäten, konzentrierte sich Norbert fortan auf seine Familie und das Gedeihen seiner Kinder. Als die Kinder groß waren und die Ungerechtigkeiten im Zuge von Neoliberalismus und Globalisierung immer größer wurden, mischte er sich seit den 1990er Jahren wieder mit aller Kraft in die politischen Händel ein. Die Zusammenarbeit polnischer und deutscher Linker und die gegenseitige Information wurden nun der wichtigste Schwerpunkt seiner politischen Aktivitäten.
Nach der Gründung von Attac Deutschland im Jahr 2000 engagierte er sich in der Arbeitsgruppe Europa von unten und organisierte beispielsweise gemeinsame Begegnungen von deutschen, polnischen und westeuropäischen Gewerkschaftsaktivist:innen, namentlich aus dem medizinischen Bereich. Er stellte Kontakt zu verschiedenen Spektren der polnischen Linken her und unterstützte sie bei unterschiedlichen Kampagnen. Aus der Vielzahl seiner solidarischen Unterstützungsaktionen sei beispielhaft seine Solidarität vor Ort sowie die internationale Bekanntmachung des Kampfes der Gewerkschaft der Krankenschwestern und Hebammen gegen die Privatisierung erwähnt. Ebenso organisierte Norbert – z. B. mit dem AK Geschichte sozialer Bewegungen Ost-West – Veranstaltungen in Berlin, in denen polnische Gewerkschafter:innen und Aktivist:innen über ihre Aktivitäten und Einschätzungen berichteten.
Ein besonderes Anliegen blieb ihm dabei immer der enge Kontakt mit Linken und Gewerkschaften in Oberschlesien, dessen multiethnischem historischem Charakter er sich eng verbunden fühlte. So organisierte Norbert mit dem AK Geschichte sozialer Bewegungen Ost-West in Berlin die Erstaufführung von Dariusz Zalegas Film über das „Rebellische Schlesien“, in dem die gemeinsamen rebellischen Traditionen von polnischen, deutschen oder tschechischen Arbeiter:innen dem nationalistischen Gegeneinander entgegenstellt werden.
Viele Jahre engagierte Norbert sich auch als Redakteur der sozialistischen Zeitung SoZ, besonders für Polen und Osteuropa betreffende Themen. Ein bleibender und vielfach beachteter Verdienst ist die von Norbert herausgegebene und auf sozonline.de veröffentlichte Polnische Presseschau, an der er bis kurz vor seinem Tod arbeitete. Sie ist ein bisher einzigartiges Projekt, mit dem der deutschen Linken regelmäßig, nicht nur, aber vor allem, linke Diskurse in Polen zugänglich gemacht werden. Auf die stolze Zahl von immerhin 259 Ausgaben hatte Norbert es geschafft. Hoffen wir, dass sein Werk nun von anderen fortgesetzt wird.
Nicht nur für seine Polnische Presseschau, sondern für die deutsch-polnischen Beziehungen der Linken überhaupt hinterlässt der Tod Norbert Kollendas eine große Lücke. Sein Tod sollte Ansporn für eine jüngere Generation sein, diese Lücke zu schließen.
Mit Norbert Kollenda haben wir einen Menschen verloren, der als Deutscher aus Oberschlesien keinem nationalistischen, antipolnischen Hass erlegen war, sondern sich im Gegenteil auf der Seite der Unterdrückten und Bedrängten für deren Verständigung über Sprach- und Ländergrenzen hinweg eingesetzt hat. Er war ein Schlesier, wie man ihn sich nur wünschen kann. Wir werden ihn und die Zusammenarbeit mit ihm sehr vermissen.
Bernd Gehrke für den AK Geschichte sozialer Bewegungen Ost-West
Fotos: Norbert Kollenda