Eine emanzipatorische Linke darf den „Prager Frühling“ nicht vergessen

25. August 1968: Offener Brief der überlebenden Gefangenen des KZ Ravensbrück aus der Tschechoslowakei zur Solidariität mit dem überfallenen Land

 

In diesem Jahr wurde die Erinnerung an den „Prager Frühling“ und seine brutale Niederschlagung durch die sowjetische Armee und den Warschauer Pakt von der linken Öffentlichkeit völlig ignoriert. Keine linke Zeitung erinnerte an diesen entscheidenden historischen Moment, als seit dem 21. August 1968 eine der wichtigsten sozialistischen Freiheitsbewegungen des Ostblocks brutal von sowjetischen Panzern unterdrückt wurde.

In der Tschechoslowakei waren die Reformdebatten am weitesten forgeschritten, die – nach Chrustschows Enthüllungen von einigen Verbrechen Stalins auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 sowie besonders nach den Moskauer Ermutigungen zu Wirtschaftsreformen seit dem XXII. Parteitag der KPDSU 1961 – im Ostblock geführt wurden. In der ČSSR verbanden sich die zunächst technokratischen Debatten über Wirtschaftsreformen, wie sie in der Sowjetunion oder in der DDR stattfanden, mit Diskussionen über die gesamtgesellschaftliche sowie über die politische Weiterentwicklung des Landes bzw. „der sozialistischen Gesellschaft“.

Während z. B. in der DDR mit dem Ausschluss Robert Havemanns aus der SED und der Akademie der Wissenschaft sowie dem 11. Plenum des ZK der SED 1965, ein repressiver Schlag gegen die kritische Intelligenz und die kritische Jugend geführt wurde, die sichtbar die deutlichsten Trägerinnen für eine Demokratisierung waren, haben sich diese Kräfte in der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei um die Jahreswende 1967/1968 durchgesetzt und die Parteiführung übernommen. Sie leiteten eine Demokratiserung der Partei, der Medien und des ganzen Landes von oben ein. Mit praktischen Schritten gingen sie auf die Arbeiterinnen und Arbeiter zu: Die Staatsgewerkschaften wurden demokratisiert und verwandelten sich in echte Interessenvertretungen und diskutierten über die Selbstverwaltung der Wirtschaft durch die „unmittelbaren Prozent:innen“ (Marx). Ähnliche Debatten fanden unter Kulturschaffenden und den anderen sozialen Gruppen der Gesellschaft statt. Nie zuvor war die Unterstützung der Kommunistischen Partei in der Bevölkerung so groß wie während des „Prager Frühlings“ 1968.

Nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen gehörten Arbeiterinnen und Arbeiter sowie Studierende und Kulturschaffende zu den entschiedensten Kräften des zivilen Massenwiderstands gegen die militärische Besatzungsmacht, Gewerkschaften und Studierendenverbände bildeten ein gemeinsames Widerstandskomitee. Aber auch in der DDR kam es zu Protesten gegen die von Ost- wie Westmedien verbreitete Beteiligung der DDR-Armee an der Okkupation. Erst nach der Öffnung der SED- und Stasi-Akten wurde bekannt, dass der sowjetische Oberbefehlshaber des Warschauer Pakts, in letzter Minute den Einmarsch der DDR in die Tschechoslowakei nicht erlaubte.

Eine emanzipatorische sozialistische Linke darf es sich nicht leisten, den „Prager Frühling“ und seine Unterdrückung durch „realsozialistische“ Panzer zu vergessen, schon, um in aktuellen Auseinandersetzungen mit Antisozialismus und Antikommunismus die Existenz anderer sozialistischer Wege als die von „Mauer und Stasi“ aufzeigen zu können. Das gilt aber auch für die Auseinandersetzung mit Anhänger:innen der vermeintlich realsozialistischen Diktaturen, um deren reaktionäre Rolle für eine tatsächlich sozialistische Entwicklung in den Ländern Osteuropas deutlich machen zu können.

Doch es gibt noch einen weiteren Grund, die Erinnerungen an den Prager Frühling wach zu halten: Wenn auch manche der damaligen Analysen und Vorschläge unter den anderen historischen Umständen des 21. Jahrhunderts ihre Aktualität verloren haben, so gibt es doch auch für eine künftige Entwicklung wichtige damalige Analysen und Überlegungen zur Gestaltung einer sozialistischen Wirtschaft und Gesellschaft, wichtig für eine Wirtschaft und Gesellschaft inklusive ihrer Widersprüche, die ohne despotisches Zentralkommando und beruhend auf persönlicher Freiheit sowie freier Vergemeinschaftung mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln gemeinsame gesellschaftliche Ziele verwirklichen will.

Als Überblick über Anliegen und Verlauf des „Prager Frühlings“ sowie über seine militärische Unterdrückung empfehlen wir den informativen Wikipedia-Artikel „Prager Frühling“, der natürlich auch auf weiterführende Literatur verweist.

Im Folgenden veröffentlichen wir in Erinnerung an die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ durch die Truppen des „Realsozialismus“ sowjetischer Provenienz noch einmal ein berührendes, aber wenig bekanntes historisches Dokument von überlebenden tschechoslowakischen Lagerinsassinnen des KZ Ravensbrück, in dem siekurz nach dem Einmarsch der Sowjetunion und weiterer Truppen des Warschauer Pakts an ihre „Schwestern“ der Internationalen Lagergemeinschaft Ravensbrücks appellierten, Solidarität mit der nach 1938 nun zum zweiten Mal überfallenen Tschechoslowakei zu üben.

Dank der Forschungen von Pavla Plachá zu den tschechoslowakischen Insassinnen des KZ Ravensbrück wurde das Dokument bekannt und die Kurt und Herma Römer Stiftung, die sich vorrangig für die Unterstützung ehemaliger osteuropäischer Zwangsarbeiter:innen engagiert, hatte dieses Dokument aus Anlass des 50. Jahrestags der Okkupation der Tschechoslowakei im Jahr 2018 veröffentlicht.

Es muss leider hinzugefügt werden, dass dieser Appell zur Solidarität mit den Überfallenen seitens der Ravensbrück überlebenden tschechoslowakischen Frauen, ungehört blieb. Deshalb ist dieses Dokument leider auch von höchster Aktualität. Die fehlende Solidarität der damaligen Internationalen Lagergemeinschaft und deren stumme Zustimmung zu dem neuerlichen Gewaltverbrechen der Sowjetunion und ihrer osteuropäischen Lakaien (Ausnahme war der nationalistisch-stalilinistische Despot Nikolae Ceaucesscu in Rumänien) setzt sich bei einem großen Teil der heutigen Linken fort. Trotz allgemeiner Solidaritätsbekundungen, insbesondere mit dem Süden der Welt, sehen wir viel zu wenig linke Solidarität mit der unter dem Terrorkrieg der neurechten Diktatur Russlands leidenden Bevölkerung der Ukraine oder selbst mit der ukrainischen Linken und den Gewerkschaften. Auch gibt es von dieser Solidarität verweigernden Linken keinerlei Solidarität mit den in den Gefängnissen Russlands sitzenden 20.000 politischen Gefangenen, die sich dem imperialistischen Krieg Russlands entgegenstellten.

So bleibt die Erinnerung an den Prager Frühling für eine emanzipatorische Linke zugleichein Beitrag für die Schaffung einer Linken, deren Solidarität nicht halbiert und einäugig ist, sondern universell den Unterdrückten und Geschundenen gilt.

Redaktion Blog Emanzipation und Geschichte

 

Hauptgebäude der Gedenkstätte KZ Ravensbrück
Hauptgebäude der Gedenkstätte KZ Ravensbrück

25. August 1968 – Schreiben der üherlebenden tschechoslowakischen Häftlinge des Konzentrationslagers Ravensbrück an die anderen Lagergemeinschaften Europas mit der Bitte um Solidorität gegen den Einmarsch militärischer Truppen des ,,Warschauer Paktes“ in die damalige Tschechoslowakei

Liebe Schwestern, ehenalige Sträflinge aus dem KZ Ravensbrück!

Zum zweiten Mal in unserem Leben erleiden wir die Besetzung unseres Heimatlandes, der Tschechoslowakei, durch die Eindring1inge. Sie sind gegen den WilIen der Vertreter unseres Staaies und unseres Volkes gekonmen. Sie besetzen unsere Krankenhäuser, unsere Universitäten, die Akademie der Wissenschaften, sie schiessen auf unsere unbewaffneten Bewohner, unsere Frauen und Kinder, sie zerstören unsere historischen DenkmäIer, verhaften unsere führenden Fersönliihkeiten.

Die faschistische Besetzung war grausam, aber die Faschisten waren unsere natürlichen Feinde. Die Besetzung durch die sowjetische Armee und die anderen sozialistischen Nachbarn ist ein ungeheuerlicher Verrat ohne ein ebenbürtiges Vorbild. Noch vor wenigen Tagen haben sie uns ihre brüderliche Liebe beteuert.

Wir bekennen uns mit Sto1z zum Sozialisnus, aber wir haben die undemokratischen und unhumanistischen Methoden unserer vorangegangenen Staatsleitung abgelehnt. Wir brauchten Ruhe und Verständnis für unseren neuen Weg zu einem solchen Sozialisnus, der den stolzen und freien Traditionen unserer Völker entspricht, dem Charakter der Tschechen und Slowaken. In unserem Land herrschte Ruhe, Arbeitseifer und eine absolute Einheit, Wir stehen fest und unerschütterlich hinter unserem Präsidenten Ludvík Svoboda, den Vertretern unserer Regierung Dubček, Smrkovský, Černik und unserer Partei.

In diesen tragischen Tagen denken wir an Euch, liebe Schwestern und glauben, dass lhr innerlich mit uns verbunden seid. Ihr kennt uns gut und wisst, dass wir Verteidiger der Wahrheit und der Menschenrechte sind. Wir brauchen Eure moralische Unterstützung für unsere gerechte Sache, für alles, was man für unser Land bei Euch unternehmen kann.

Mit kämpferischen Grüssen:

Die tschechoslowakischen Frauen, die ehemaligen Häftlinge der Nazi-K* und Gefängnisse

[* In der Veröffentlichung nicht zu lesen, wahrscheinlich: „Konzentrationslager“ – Red. Blog Emanzipation & Geschichte]

 

Quelle: Kurt und Herma Römer Stiftung; https://www.kurt-und-herma-roemer-stiftung.de/wp-content/uploads/25.08.1968-Tschechoslowakische-Ravensbr%C3%Bcckerinnen-bitten-um-Solidarit%C3%A4t-gegen-die-milit%C3%A4rische-Niederschlagung-der-Prager-FrC3%Bchling.pdf

 

Fotos:

Sowjetischer Panzer in Prag wird von Bevölkerung umzingelt: Prag 11, Wikimedia Commons, CC – S/A 4.0

Hauptgebäude der Gedenkstätte KZ Ravensbrück: wikimedia commons, Dophin and Anchor 2018, CC BY-S/A 4.0