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Wie wirken sich Drohnenangriffe auf die Lagerhäuser des Online-Händlers Wildberries auf dessen Arbeiter:innen aus? Und wer kommt für die Verluste und die zusätzlichen Sicherheitskosten von Wildberries auf? Der Politiker Oleg Schein geht der Sache auf den Grund [Vorbemerkung der Redaktion von Posle-Media
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Red. Blog Emanzipation & Geschichte]
Wildberries-Arbeiter:innen und die Drohnenangriffe
Ukrainische Drohnenangriffe auf die Logistikzentren von Wildberries haben in Russland eine breite Debatte über die Verluste der Unternehmer ausgelöst, deren Waren bei den Bränden zerstört wurden.
Kleine russische Unternehmen, die auf Wildberries als Online-Vertriebsplattform angewiesen sind, beklagen, dass die Entschädigungen, die sie erhalten, unzureichend sind, während die Gewinnmargen des Konzerns weiterhin außergewöhnlich hoch sind. Tatjana Kim, Russlands reichste Frau mit einem Vermögen von mehr als fünf Milliarden Dollar, hat versprochen, die Unternehmer nicht sich selbst zu überlassen. Schließlich, so argumentiert sie, sitzen alle Russen im selben Boot und sollten zusammenhalten, anstatt darüber zu streiten, wem es am besten geht: „Wenn eine Nation gemeinsam und geeint für gemeinsame Werte eintritt, kann sie jede Herausforderung meistern.“
Unterdessen sind die Hunderttausenden von Wildberries-Beschäftigten, deren Arbeit den Reichtum schafft, den Kim und andere russische Unternehmer genießen, in der öffentlichen Diskussion weitgehend ausgeklammert worden. Die einzige Ausnahme bildete die vielfach verbreitete Erklärung von Frau Kim, wonach die Familien verstorbener Beschäftigter zwei Millionen Rubel erhalten würden, während Schwerverletzte eine Million erhalten sollten.
Hier ist, was der Telegram-Kanal „The Wildberries Worker Times“ dazu zu sagen hat:
„Vor den Anschlägen war es den Beschäftigten verboten, persönliche Gegenstände ins Lager mitzubringen. Während der Anschläge durfte niemand auf die Schließfächer mit seinen Ausweisen, Schlüsseln und Handys zugreifen, und viele persönliche Gegenstände wurden im Feuer zerstört.
Die Evakuierung der Nachtschicht im Lager in Elektrostal, wo zu jeder Zeit rund 8.000 Menschen arbeiten, war ein Albtraum – und führte zu hohen Opferzahlen. In einem Bereich des Logistikzentrums löste der Alarm nicht sofort aus, und Sicherheitskräfte durchsuchten die Arbeiter, bevor sie diese trotz Feuer und Rauch das Gebäude verlassen ließen. In einem anderen Bereich mussten die Arbeiter ihre tragbaren Datenterminals (Smartphones mit integrierten Scannern zur Warenverfolgung) abgeben, bevor sie evakuiert werden konnten. Es kam zu einer Auseinandersetzung. Im selben Bereich öffneten sich die Ladetore nicht automatisch, sodass die Menschenmenge gezwungen war, durch einen schmalen, mit einem Drehkreuz gesicherten Ausgang zu fliehen, was zu einer Massenpanik führte. In einem anderen Bereich wurden Arbeiter:innen unter Mezzanine getrieben – das sind mehrstöckige Regale, die mit Waren gefüllt sind – und durften diesen Bereich nicht verlassen. Ein schlecht konzipiertes Sicherheitsprotokoll ging davon aus, dass die Mezzanine die Arbeiter:innenvor der Explosion schützen würden. Der Drohnenangriff war jedoch so heftig, dass die Regale und alle darauf gelagerten Kartons fast sofort in Brand gerieten.
Die Arbeiter:innen befürchten, dass Wildberries das Geld, das zur Entschädigung der Verkäufer:innen für ihre Verluste verwendet wird, direkt aus ihren Löhnen abziehen wird. Das Unternehmen zieht den Arbeitnehmern bereits regelmäßig Lohnabzüge ab, um für fehlerhafte Waren aufzukommen. Einige Kommissionierer berichten zudem, dass ihnen automatisch „Geldstrafen“ auferlegt wurden für Bestellungen, die sie aufgrund des nächtlichen Angriffs nicht zusammenstellen konnten.“
[Anmerkung: Zwar verbietet das russische Recht Arbeitgebern, Lohnabzüge vorzunehmen, doch viele erreichen diesen Effekt, indem sie den über dem Mindestlohn liegenden Anteil des Arbeitsentgelts als „Prämien“ bezeichnen, die sie dann nach eigenem Ermessen kürzen; oder indem sie die Beschäftigten fälschlicherweise als Auftragnehmer einstufen.]
Arbeiter:innen bis auf die Unterwäsche entkleidet
Solche Berichte sollten keine Überraschung sein. Wildberries ist berüchtigt für seine Behandlung der Beschäftigten.
Im Sommer 2022 kam es zu einem großen Skandal, als ein Video zeigte, wie Beschäftigte in einem Wildberries-Sortierzentrum in Sofrino bei Moskau bis auf die Unterwäsche entkleidet wurden. Das Unternehmen behauptete, die Maßnahme diene der Diebstahlprävention, doch es wirkte wie eine Szene aus einem Film über koloniale Diamantenminen.
„Wenn man im Lager ankommt, muss man sich in der Umkleidekabine umziehen und eine Sicherheitskontrolle durchlaufen. Die Umkleideräume für Männer und Frauen sind getrennt, wobei männliche Wachleute im Männerumkleideraum und weibliche im Frauenumkleideraum sind. In einigen Lagern befinden sich die Umkleideräume für Männer und Frauen sogar auf verschiedenen Etagen.
Das Unternehmen stellt die gesamte Arbeitskleidung zur Verfügung. Wenn man eigene Schuhe kauft, muss der Sicherheitsdienst beim Betreten des Geländes einen Aufkleber darauf anbringen.
Möglicherweise musst du sogar einen Kaufbeleg vorzeigen, um zu beweisen, dass die Schuhe dir gehören und du sie nicht aus dem Lagerhaus gestohlen hast. Deine eigene Unterwäsche darfst du behalten.
Du wirst beim Betreten und Verlassen des Geländes durchsucht. Die aggressivsten Arbeiter:innen werden ins ‚Blackout-Büro‘ (dessen Wände mit schwarzer Plastikfolie verkleidet sind) gebracht und aufgefordert, zu zeigen, was sich in ihrer Unterwäsche befindet. Manchmal sind Männer aus dem Kaukasus aggressiv und suchen Streit.
Die Sicherheitskräfte in den Umkleideräumen der Frauen sind wesentlich grausamer als ihre männlichen Kollegen. Einmal konnte eine der Arbeiterinnen ihren Spind nicht öffnen und bat einen Sicherheitsbeamten um Hilfe. Eins führte zum anderen; es kam zwar nicht zu einem Streit, aber der Sicherheitsbeamte verlangte ihren Ausweis, fotografierte ihn und meldete sie anschließend der Geschäftsleitung. Die Frau musste schließlich eine Geldstrafe von 5.000 Rubel zahlen.“
Die Frauen ziehen sich bis auf Unterwäsche und BHs aus, und die weiblichen Sicherheitskräfte ziehen an ihrer Unterwäsche und führen einen Metalldetektor zwischen ihren Beinen hindurch. Die Frauen müssen außerdem ihre Haare zu einem Dutt zusammenbinden, damit die Sicherheitskräfte überprüfen können, ob sie Ohrringe tragen.“
Eine anschließende Untersuchung der Staatsanwaltschaft bestätigte diese Vorwürfe, und die demütigenden Verfahren wurden eingestellt. Doch im Jahr 2025 kehrten sie zurück. „Oh, toll! Wir ziehen uns bis auf die Unterwäsche aus. Am Eingang ausziehen, all unsere Sachen durch das Drehkreuz tragen und auf der anderen Seite wieder anziehen. Auf dem Rückweg das Gleiche“, berichteten Arbeiter:innen in Chatgruppen.
Risse im Beton
Natürlich gehen die Probleme weit über die Durchsuchungen hinaus. Wildberries stuft Arbeiter:innen regelmäßig fälschlicherweise als LeihArbeiter:innenein. Einfach ausgedrückt: Die Menschen, die für Frau Kim Milliarden an Gewinn erwirtschaften, haben keinen Anspruch auf bezahlten Urlaub, bezahlte Krankheitstage oder einen Acht-Stunden-Arbeitstag, und sie erwerben auch keine staatliche Rente. Ein Arbeiter:innen schreibt: „Ich habe mehr als drei Monate im Schichtplan ‚5 Tage Arbeit, 2 Tage frei‘ mit 12-Stunden-Tagen gearbeitet; jetzt habe ich den Plan ‚2 Tage Arbeit, 2 Tage frei‘ mit 12 Stunden pro Tag. Die Vorgesetzten weigern sich, mich als festangestellten Arbeiter:innen einzustellen, weil dies gegen die Unternehmensrichtlinien verstößt.“
Wenn man weiterliest, erfährt man: „Offiziell endet die Schicht um 21 Uhr. Aber in der Praxis kommt man fast nie pünktlich Feierabend. Rücksendungen, verspätete Lieferungen, Kundenandrang … und plötzlich ist es 22 oder sogar 23 Uhr. Überstunden werden nicht bezahlt. Wenn abends eine Lieferung eintrifft, muss man nach Ladenschluss bleiben, um die Kartons auszupacken – ohne Bezahlung.“
Leider ist das noch nicht alles. Das Unternehmen macht ausgiebig Gebrauch von Geldstrafen, die vom Lohn abgezogen werden – eine frühkapitalistische Tradition, die durch die Revolution von 1917 abgeschafft wurde, nun aber ein Comeback erlebt. „Vor zwei Monaten gab es überhaupt keine Geldstrafen. Jetzt werden mir täglich mindestens 2.000 Rubel abgezogen. Obendrein wurden die Vergütungssätze für Kommissionierung, Sortierung, Einräumen und Wareneingang gekürzt. Jeder von uns muss Geldstrafen hinnehmen.“ Ein anderer Arbeiter fügt hinzu: „Wenn einer einen Fehler macht, müssen alle eine Geldstrafe zahlen.“
Die Beschäftigten haben eine Gewerkschaft gegründet und begonnen, einen Rechtsstreit nach dem anderen gegen das Unternehmen zu gewinnen. Nachdem sie über tausend Fälle gewonnen hatten, wurde Strafanzeige gegen den Gewerkschaftsvorsitzenden Alexander Schwez erstattet. Wie es jeder Anwalt mit Selbstachtung getan hätte, hatte Schwez Wildberries verklagt und seine Kolleg:innen gegen eine vertraglich festgelegte Vergütung vertreten. Schwez wurde vorgeworfen, sein Honorar nicht von den anderen Beschäftigten eingezogen zu haben.
Schwez wurde schließlich verurteilt. Die Gewerkschaft ist weiterhin aktiv, doch ihr Vorsitzender ist nach wie vor in Gefahr: Sollte ein weiterer Prozess gegen ihn angestrengt werden, könnte seine Bewährungsstrafe in eine tatsächliche Haftstrafe umgewandelt werden. Mehr als 11.000 Menschen abonnieren den Telegram-Kanal der Gewerkschaft, der übrigens einen konsequenten und offenen linksgerichteten, sozialistischen Ton anschlägt.
Wie die Komödienklassiker Ilf und Petrow einst schrieben: „Die größten Vermögen werden alle mit den skrupellosesten Mitteln erworben.“ Doch wir müssen Feuer mit Feuer bekämpfen: Der Kampf der Wildberries-Beschäftigten um ihre Rechte zeigt, dass unter der tristen Betonfassade von Putins System das Leben weiterfließt. Wenn dieser Beton schließlich bröckelt, werden wir darunter ein ganz anderes Land vorfinden.
Anmerkung der Red. Blog Emanzipation & Geschichte:
Oleg Schein ist nicht nur Politiker, sondern vor allem ist er seit vielen Jahren Vize-Vorsitzender des zweitgrößten Gewerkschaftsbundes in Russlands, der Konföderation Unabhängiger Gewerkschaften, gegen die sich gerade jüngst der Repressionsdruck des Staates verschärft hatte – siehe den Artikel von Azamat Ismailow auf unserem Blog: https://geschichtevonuntenostwest.org/ismailow-russlands-gewerkschaften-unter-druck/
Als erklärter Gegner des russischen Kriegs gegen die Ukraine musste er das Land verlassen und lebt jetzt im Westen.
Wir danken der Redaktion von Posle-Media, wo der Beitrag zuerst erschien, für die Möglichkeit der Übernahme des Artikels.
Übersetzung: Redaktion Blog Emanzipation & Geschichte mit Unterstützung von KI
Quelle: https://www.posle.media/article/wildberries-dikaya-yagoda-rossiyskogo-kapitalizma
Bild: Posle-Media